
Swami Omkarananda: EBENBILD
Einleitung
Universaler Schlüssel zur Gottesweisheit
Einstimmung
Erwirb den Reisecheck, der immer Gültigkeit hat
Das Ewige im Menschen
Unsterblichkeit und Lebenswillen
Der wundervolle Spiegel der Welt
Die Tendenz der Wissenschaft zum Geistigen und das Problem des Menschen
Die Wissenschaft der Wissenschaften
Eine tiefe Analyse des Lebens
Die Wahrnehmung Gottes ist der Höhepunkt der Kultur
Fixpunkt der Unendlichkeit
Zwei Alternativen
Das Offenbarwerden des Bildes Gottes
Der Widerstand
Läuterung der menschlichen Natur
Die Liebe im Menschen ist Hinweis auf das Ebenbild Gottes
Das Bewusstsein im Hintergrund
Allgegenwart Gottes ernst genommen
Wo Liebe ist, wächst Weisheit
Liebe als Grundlage von Kultur und Religion
Traumerfahrung und Unendlichkeitserfahrung
Das Göttliche in Herz und Händen halten
Ein Bild Gottes ist nötig, um zum bildlosen Gottbewusstsein zu gelangen
Das zeitlose, raumlose Bewusstsein
Eine Unendlichkeit ist in Deinem Inneren!
"Der in euch ist, ist grösser, als der in der Welt ist" (Joh. 4,4)
Meditation als Anfang
Im Mitmenschen das Göttliche erblicken
Die Läuterung
Portrait des geistig Strebenden
Der geistige Mensch wächst über das Normalmass des Menschen hinaus
Der Urgrund
Was bedeutet Religion?
Das Wichtige, das überall ist
Wir leben im Herzen der göttlichen Wirklichkeit
Bei Gott gibt es nichts Irrationales, kein Ungefähr
Stille
Freisein von Erinnerungen
Meditation mit Anruf des Namens Gottes
Betet ohne Unterlass (1 Tim 7,7)
Erhört Gott Gebete?
Wie mehren wir unseren Glauben?
Das Wesen der Liebe kommt in Christus zum Ausdruck
Der Mensch - das Unendliche im Endlichen
Der Mensch ist ein unsterbliches Wesen in einem sterblichen Körper
Das Lächeln Gottes
Eine neue Dimension des Lebens
Die Verantwortung für den inneren Fortschritt
Wie das Leben zur Fülle und Erfüllung gelangt
Innere Umwandlung durch Dienen
Die Heilkraft der Liebe und ihre Entfaltung im Menschen
Mit den Talenten wuchern
Beruf und geistiges Leben
Der Botschafter Gottes
Ethik und Unsterblichkeit
Der Gottsucher und der Tod
"In Ihm leben, weben und sind wir." (Apg. 17,28)
Was bedeutet der geistige Pfad?
Zeichen des inneren Fortschritts
Lebe im Unsichtbaren
Der Eine in allen
|
Mensch werde wesentlich, denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht. Ein wesentlicher Mensch ist wie die Ewigkeit, die unverändert bleibt von aller Äusserheit. Ich trage Gottes Bild; wenn Er sich will besehn, so kann es nur in mir und wer mir gleicht geschehn. Ich bin nicht ausser Gott, und Gott nicht ausser mir: Ich bin Sein Glanz und Licht, und Er ist meine Zier. Wer in der Ewigkeit mehr lebt als einen Tag, derselbe wird so alt, als Gott nicht werden mag. Mensch, was du liebst, das wirst du werden: Gott wirst du, liebst du Gott, und Erde, liebst du Erden. Angelus Silesius |
EINLEITUNG Die Synthese von Natur und Übernatur, von Menschlichem und Göttlichem im Menschen will nicht nur erkannt, sondern erlebt und im Leben offenbar werden. Das ist, besonders in Europa, noch selten - und dann nur ansatzweise - geglückt.
In einigen Augenblicken der europäischen Geistesententwicklung wurde sie zwar ins Auge gefasst, doch mehr nur erahnt als verwirklicht. Es blieb mehr nur ein kurzes Aufleuchten, das bald wieder erlosch, weil die Mittel zur gelebten Verwirklichung fehlten. Diese kostbaren Augenblicke gelangten zu genial künstlerischem Ausdruck in den frühen byzantinischen Fresken und Mosaiken, den frühen lkonen, Kathedral- und Dombauten des Abendlandes, den Kantaten Johann Sebastian Bachs, in einigen Gedichten und Kirchenliedern und in den weiten, lichten Kirchen des Barock, ferner in den denkerischen Bemühungen eines Nikolaus von Kues, die sich auf die "coincidentia oppositorum", das Zusammenfallen der Gegensätze in Gott konzentrierten.
Was in kurzen Augenblicken mehr erahnt als verwirklicht wurde, nämlich die Einheit von Schöpfer und Schöpfung, Natur und Übernatur, ging bald gründlicher denn je verloren. Dichter trauerten darum und spürten schmerzlich den Zwiespalt. Ein Hölderlin zerbrach daran. Friedrich Schiller besang in einem Gedicht die Götter Griechenlands, die einst die schöne Welt beseelten und stiess dabei auf heftige christliche Kritik. Wieder andere, wie die Gebrüder Schlegel, wandten sich indischer Geistigkeit zu.
Dieses Unvermögen wurde dem Christentum zum Verhängnis. Heute versucht man, Theologie nach dem Tode Gottes zu betreiben. Nur der Mensch blieb noch übrig, und zwar kaum mehr im vollen Sinne als das Abbild Gottes, das er auf der ersten Seite der Bibel war, sondern als ein in die Existenz geworfenes Wesen in einer gottleeren Welt ohne Echo, als ein Mensch, der kaum mehr wagt, von Gott zu reden, der aber dennoch letztlich den Ursprung aus Gott nicht verleugnen kann.
Es wird heute versucht, Gott noch im Menschen - oder besser in der Mitmenschlichkeit - zu finden, aber Gott ist tot und sein Ebenbild unsichtbar. Warum gelingt es nicht, das Ebenbild Gottes im Menschen zu finden? Nur im verwirklichten Ebenbild wird uns Gott sichtbar. Die überweltliche Erlösergestalt Jesu Christi trat neuerdings hinter die geschichtliche Persönlichkeit* zurück, welche aber mangels genauer Daten Anlass zu Disputen gibt, denn die ersten Christen waren gar nicht so sehr an dem geschichtlichen Menschen als an Gott interessiert, der sich offenbarte, und so stösst man bei dem Versuch zu entmythologisieren, auf endlose Schichten von "Gemeindetheologie", "Mythos" und "frühen katholischen Tendenzen" schon im neuen Testament. Den "Kern evangelischer Wahrheit" bekam man auf diese Weise jedenfalls nicht zu fassen. Das konnte schon deshalb nicht gelingen, weil die Verfasser der neutestamentlichen Schriften keine modernen Christen und keine Menschen unserer Zeit waren, die an geschichtlichen und wissenschaftlichen Fakten interessiert sind. Und selbst wenn sie es gewesen wären, würde uns die historische Gestalt nicht viel nützen; denn nicht der Mensch Jesu von Nazareth erlöst uns, sondern Gott, der in diesem Menschen offenbar geworden ist.
Infolge dieses vergeblichen Bemühens, auf solche Weise des Erlösers habhaft zu werden, wendet sich der Mensch unserer Zeit greifbareren Realitäten zu, indem er das Heil auf der Erde mit wirtschaftlichen und politischen Mitteln zu schaffen versucht. Man baut also auf die Wissenschaft statt auf die Religion und lernt dabei überraschende Seiten des Menschen kennen, vorwiegend solche irrationaler Natur. Weltkriege stören den Aufbau dieser neuen Welt und fördern ihn zugleich. Der Mensch lernt sich selbst erkennen - hoffentlich nicht zu spät. Die Errungenschaften von Technik und Wissenschaft zeigen bereits ihre Kehrseiten in der Umweltverschmutzung und in der Verschmutzung der Innenwelt. Letztere wird bisher noch schamhaft verschwiegen.
Die Menschen sehen Gott nicht mehr. Dichter merken solche Dinge früher und sprechen aus, was andere nur dunkel erfühlen. Die 'Rede Christi vom leeren Weltgebäude herab', welche die Abwesenheit Gottes verkündigt, ist schon im letzten Jahrhundert aus der Feder des Dichters Jean Paul geflossen. Sie nimmt die Verfassung des Menschen in unserem Jahrhundert vorweg. Heute wird die Jean Paulsche Vision zum Inhalt kirchlicher Predigt, und Nietzsches "Gott ist tot" wurde zur Parole christlicher Theologen. Wer heute noch einfach und schlicht an Gott glaubt, wer noch 'Theologie vor dem Tode Gottes' betreibt, wird belächelt. Doch die Theologen nennen sich weiterhin Theologen, obwohl sie lediglich am Menschen interessiert sind, nicht mehr an Gott. Untergegangen ist natürlich nur ein veraltetes Gottesbild in der Seele des Menschen. Es gibt keinen toten, nur einen lebendigen Gott, doch dem Menschen zu helfen, ist freilich notwendig geworden, denn er ist in Not geraten wie jene Verlassenen in der Vision des Dichters Jean Paul.
Wie konnte es dazu kommen? Der Strom des kulturellen Lebens hatte sich geteilt. Nur der kleinere Teil der lebenspendenden Wasser floss weiterhin im Strombett der Religion. Die religiösen Gefühle haben sich seit Jahrhunderten in Dichtkunst und Musik ausserhalb des kirchlichen Bereichs entladen. Das liess die Religion noch ärmer werden.
Die Geschichte der Religion kann als Entwicklungsgeschichte der Gotterfahrung betrachtet werden: Die Menschen der Urzeit schauten zum Himmel empor und empfanden ein ahnendes Sehnen, das aus der innersten Seele emporstieg. Sie blickten zu den Sternen und empfanden heilige Schauer. Sie schlossen daraus, dass da oben etwas Erhabenes sein müsse. So versetzten sie die numinosen Gehalte der Seele, die archetypischen Götter, als Sternbilder an den Himmel. Später holten sie Gott auf die Erde herab, indem sie ihr Ahnen des Göttlichen in Naturkräfte, auf Heroen, Könige und Weise projizierten.
Schliesslich entdeckte der Mensch das Bild Gottes, das immer schon in ihm war, in seinem innersten Sein. Das geschieht nicht erst in unserer Zeit, obwohl diese Erkenntnis heute in besonderer Weise aktuell wird. Schon auf der ersten Seite der Bibel steht geschrieben: "Lass uns den Menschen machen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn" (Gen. 1,26 und 27).Die Inder ihrerseits wissen um den 'Purusha', der in allen Menschen zugegen und doch nur ein Einziger in allen ist. Dieser findet in allen vier Veden Erwähnung. Das lässt seine Bedeutung erahnen, die er auch im fundamentalen Denken der östlichen Weisen einnimmt, als Schlüssel aller Gottesweisheit, genau wie in der Bibel.
Entsprechungen zum Purusha finden sich auch bei Leopold Ziegler in seinem Konzept des 'Allgemeinen Menschen', sowie im Bild des Ewigen Menschen' oder 'Göttlichen Menschen' in der christlichen Gnosis, der ostkirchlichen Mystik, der jüdischen Kabbala, auch bei Jacob Böhme, F.C. Ötinger und Emanuel Swedenborg, worauf Ernst Benz hinweist (Ernst Benz, Der Übermensch, Zürich 1961, S. 281 und 283).
Niemand Geringeres als der Marburger Theologe Ernst Benz besteht darauf, dass der geistige Übermensch von Anfang an im Christentum Heimatrecht habe und die Erlösung durch Christus nicht eine blosse Wiederherstellung, sondern Seinserhöhung bedeute. Jesus selbst nämlich erwartet von seinen Jüngern, dass sie in der Zukunft dieselben Werke, ja noch grössere Werke als er vollbringen werden, und bei Johannes heisst es (1. Joh. 3,2): "Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder, und es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, dass wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist".
"Auch ein Paulus weiss noch deutlich von dieser Seinssteigerung, die der Geist mit sich bringt. Die Wirkung des Geistes ist nicht einmalig, sondern von ihm geht eine ständige schöpferische Wirkung aus, die den Menschen von Stufe zu Stufe hebt und verklärt", schreibt Ernst Benz unter Bezug auf 2 Kor 4,16 (Ob auch unser äusserlicher Mensch sich auflöst, so wird doch unser innerer Mensch von Tag zu Tag erneuert). Diese Erneuerung ist nicht nur Wiederherstellung eines durch den Fall verlorenen früheren Zustandes, sondern ein Voranschreiten zu neuen Herrlichkeiten: "Hier erscheint der Geist als die Kraft einer progressiven Seinserhöhung und Transformation des Menschen, die ihn ins Übermenschliche erhebt."
Die Nichtanerkennung des Bildes Gottes im Menschen verhinderte die Menschwerdung, meinte C.G. Jung in seinem Buch Antwort auf 'Hiob', und der Indologe J.W. Hauer schreibt in seinem Standardwerk über Yoga, die seelisch-geistige Struktur der Gegenwart erfordere nicht einfach nur Verkündigung, sondern den Wegweiser, dessen Wirken den tiefsten Wurzeln menschlicher Existenz entspringe.
Überall im Universum ist Licht, ist Musik, ist Schönheit als der wahre Körper des Göttlichen. In diesem Körper, in dieser Schale, die an sich schon wunderbar ist, hält sich das allerwunderbarste Göttliche auf. Es ist zeitlose Schönheit, unendlich vollkommen. Die Freude und der Wert des Lebens werden in dem Masse erlebbar, in dem Du mit dieser Schönheit in Berührung bist.Wenn Du Musik hören möchtest, dann gilt es, sich einzustimmen und auf die Musik zu lauschen. Willst Du im Einklang sein mit dem Licht der Seele in allen Wesen, dann musst Du Dich auf dieses Licht konzentrieren und Ihm Deine Verehrung erweisen. Der geistige Mensch verehrt Gott als das Licht der Seele in allen Wesen.
Ständig neu gilt es, sich auf diese Musik des Unendlichen einzustimmen. Die menschliche Natur gleicht nämlich einem Ball am Steilhang, der immer abwärts rollt. Nur ein paar Tapfere versuchen ihn aufwärts zu rollen. Das sind die geistigen Menschen. Endlos ist der Segen, der jenen zuteil wird, die sich dieser schwierigen Aufgabe unterziehen.
Ein Mensch, der an die höchste Wahrheit, an das Göttliche ganz hingegeben ist, hat im Gegensatz zu anderen seine Unterscheidungsfähigkeit zur Entfaltung gebracht. Beim Gottsucher ist sie durch die Berührung der Gnade geschärft, so dass sie ihrerseits zur Quelle wird, aus der neue Einsichten entspringen. Der Mensch erkennt dann, dass es sehr unweise ist, das Leben mit Bemühungen um irgendwelche Ziele zu vergeuden, während es einzig und allein dazu bestimmt ist, den höchsten Wert, die unendliche Schönheit und Glückseligkeit Gottes zu erlangen.
Das Leben ist uns gegeben, damit wir zu dem vordringen können, was es zutiefst in sich birgt; nämlich die Wirklichkeit Gottes. Wer dies einmal erkannt hat, wird alles tun und nichts unterlassen, um so schnell wie nur möglich zu dieser göttlichen Erfahrung hinzugelangen. Er ist bereit, alle Schwierigkeiten auf sich zu nehmen und jedes Opfer zu bringen, ohne zu klagen, ja sogar ohne dabei Missbehagen zu empfinden, denn die erste Funktion dieser Kraft zur Unterscheidung besteht darin, zu erkennen, dass die Suche nach dem Höchsten ein grosser Segen und des vollen Einsatzes all unserer Zeit und Kräfte wert ist.
Grosse Philosophen, Historiker, Staatsmänner und Sozialwissenschaftler haben schon während der letzten sechzig Jahre die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Menschheit erkannt und waren sich auch einer Anzahl von Krisen bewusst, welche die jetzige Menschheit durchmachen musste. Sie stellten fest, dass die westliche Kultur vor dem Zusammenbruch steht. So war Bertrand Russell der Meinung, dass sie sich in einem Stadium totaler Vernichtung als Folge der nuklearen Kriegsführung befindet.
Diese Probleme sind grundlegender Natur, weil sie dem Geist des Menschen entstammen. Das Problem aller Probleme ist daher der Mensch selbst. "Das Problem ist nicht die Atomenergie, das Problem ist das Herz des Menschen", sagt AIbert Einstein. Das Problem, das im menschlichen Geist durch die äusseren Schwierigkeiten und die Verirrungen der jetzigen Menschheit entstand, hat immer innere Ursachen, die schon fast konstitutionell bedingt sind und zutiefst im Gemüt und im Wesen der Menschheit liegen.
Warum sind denn die Menschen in dieser Welt so ruhelos und so unglücklich, auch wenn sie alles besitzen, was sie brauchen? Der Grund liegt darin, dass das irdische Leben an sich schon von Natur aus unvollkommen ist und die Menschen in der Welt am falschen Platze nach Vollkommenheit suchen. Sie versuchen wohl, Glück, Friede und Kraft, die aus der Vollkommenheit kommen, zu finden. Aber sie versuchen, diese von den äusseren Gegenständen zu erhalten.
Sie glauben, sie könnten vollkommen werden, wenn sie dem Leben ein wenig Vergnügen hinzufügen, aber bald sind sie betrogen. Sie denken, dass sie glücklich werden, wenn sie verreisen, aber sie kehren enttäuscht zurück, und Unzufriedenheit nimmt von ihnen Besitz. Sie glauben, durch Reichtum könnte man Vollkommenheit erlangen, aber auch er führt nicht dazu, denn sonst müssten alle reichen Leute auf der Welt eine Ahnung von Vollkommenheit haben.
Nichts von alledem bringt die Lösung. Weder der Besitz endloser Königreiche, noch das Überhäuftsein mit Schätzen wie Diamanten und Juwelen, mit Wohlstand und Vergnügen werden dem Leben auch nur annähernd Vollkommenheit verleihen.
Worin besteht die zentrale Aufgabe unseres Lebens? Diese liegt darin, sich irgendwie mit der Gottgegenwart in Verbindung zu setzen. Gott ist unendliche Liebe. Darum gilt es, Liebe zum Ausdruck zu bringen. Gott ist unendliches Licht. Darum gilt es, Licht aufleuchten zu lassen. Gott ist unendlicher Friede. Darum gilt es, seinem Leben den Frieden Gottes einzugiessen, um ihn dann in die Welt hinausströmen zu lassen. Gott ist Freude. Darum sollte man sich von keinem Unglück niederringen lassen. Gott ist Vollkommenheit, also sollte man Vollkommenheit zum Ausdruck bringen. Habe Glauben und festes Vertrauen auf Gott, und nichts im Leben kann Dich berühren. Gott ist unsterblich, ewig, so fürchte keinen Tod. Überwinde ihn, indem Du Dir der Unsterblichkeit bewusst bist. Du bist aus dem Odem Gottes entstanden und darum unsterblich, auch wenn Dein Körper vergeht. Verbünde Dich mit Gott, und Du wirst Künder des Lichtes und der Liebe. Das ist die Aufgabe auf Erden.So bemühe Dich also um das, was unvergänglich ist, was nie zerstört werden kann. Erwirb den Reisescheck des Himmels, den Du überall einlösen kannst.
Das Leben ist mit Problemen beladen. Auch wenn Du genug zu essen hast, wirst Du Dich fragen: "Warum starb mein Vater, warum starb meine Mutter? Was geschieht mit mir, werde auch ich einmal sterben müssen? " Du schaust die anderen und die Älteren an und bejahst für sie die Frage und bist schliesslich in Bedrängnis, auch im Hinblick auf Dich zu fragen: "Wo gehe ich hin, wenn ich sterben muss? Ist der Tod schmerzvoll? Was ist der Tod, und wie wird man frei von ihm? Kann hier Reichtum weiterhelfen? " Wir stellen fest, dass in dieser Frage äusserer Reichtum keine Lösung bietet, auch nicht die beste Regierung der Welt, auch nicht die beste Sozialversicherung. Wer kann uns vom Tod befreien, wenn nicht das Ewige?Eines der wundervollen Ergebnisse der Hingabe ans Göttliche liegt in dem lebhaften Bewusstsein der Unvergänglichkeit der inneren Seele. Wenn der Körper des Gottliebenden abgelegt wird, begibt er sich in die nächste Welt, so wie man sich von einem Zimmer ins nächste begibt, ganz bewusst und voll gewahr, dass der Körper zurückgelassen wurde. Dass uns Unsterblichkeit verliehen wird, ist eines der Ergebnisse der Hingabe ans Göttliche. Es gibt keine Macht der Welt, überhaupt nichts, was die Probleme des Menschen wirklich zu lösen vermöchte, und unter allen Problemen, denen der Mensch gegenübersteht, ist das wichtigste das des Todes. Immer steht die Frage vor dem Menschen, wohin er einst gehen wird, was mit ihm beim Tode und nach dem Tode geschieht.
Solche Fragen finden durch das Göttliche ihre Lösung. Sie lösen sich auf, indem das Göttliche dem Gottliebenden Unsterblichkeit verleiht. Ganz gleich, wo er sich aufhalten mag, er ist sich seiner Unvergänglichkeit bewusst. Kein Gottliebender fürchtet den Tod, denn der Tod ist für ihn nicht mehr vorhanden. Selbst wenn sein Körper, in die Erde gelegt wird, weiss er, dass er unsterblich und unvergänglich ist und nichts ihn anrühren kann. Der Geist ist subtiler als die Materie und kann sich leicht ihrem Zugriff entwinden.
Wer garantiert uns, dass es überhaupt ein Leben nach dem Tode gibt? Dafür gibt es eine ganze Anzahl von Beweisen. Gäbe es diese nicht und hätten wir nur dieses eine Leben, dann wäre alles sehr einfach und jeder könnte sich sein Leben einrichten, wie es ihm gut dünkt und diese kurze Lebensspanne nach eigenem bestem Ermessen leben.
Für Gott, für Religion, für das Streben nach .höheren Werten im ethischen Bereich bestünde kein Bedarf, und die höchste Lebensweisheit wäre die des Lebensgenusses. Wir hätten dann keinen Grund, auf dieses Thema einzugehen und uns um geistige Entwicklung zu mühen. Die höchste Lebensweisheit liesse sich dann in einem kurzen Satz zusammenfassen: "Lasset uns essen, trinken und fröhlich sein, denn morgen sind wir tot!" (Pred. 8,15)
Unser Leben hört aber mit dem Tode nicht auf, sondern es geht jenseits des Grabes weiter, und es ist für den Menschen ganz natürlich, nach dem zu fragen, was danach kommt. Diese Frage kehrt mit grösster Hartnäckigkeit wieder, ohne eine befriedigende Beantwortung zu finden. Sie bildet die eigentliche Grundlage auch für die Ethik. Warum sollte sich der Mensch moralisch verhalten, da dies doch nicht leicht ist? Allein nur um des ethischen Wertes willen? Es ist doch viel leichter, sich ohne Rücksicht auf ethische Werte im Leben zu vergnügen, so gut es geht.
Sobald wir das geistige Leben ergreifen und die geistige Entwicklung im Auge haben, steht die Ethik gerechtfertigt da, und die moralische Lebensführung wird unerlässlich.
Religion ist die wahre Grundlage ethischer Werte und moralischen Lebens. Und Religion ist undenkbar ohne das geistige Ziel, nämlich Gott. Gott aber ist für uns ohne Bedeutung, so lange Er nicht zum letzten Ziel unseres Mühens und Strebens wird. Der Wahrheitssucher lebt nicht nur für dieses kurze Leben hier auf Erden, sondern er hat eine endlose Zukunft vor sich. Bis er das ewige Leben erlangt hat, bleiben die Probleme bestehen.
Philosophien und Theologien, denen die Einsicht des Menschen fehlt, der die Gotterfahrung kennt, begehen den Fehler, die vorübergehende Erscheinung des Bösen zu einer selbständig bestehenden Wirklichkeit zu machen, ihr einen schrecklichen Charakter zuzuschreiben und zu erklären, dass das Böse in der eigentlichen Beschaffenheit des Bewusstseins des Menschen verwurzelt sei. Dadurch wird der Wille des Menschen unterdrückt und geschwächt.
Eine beschränkte Liebe, ein begrenztes Wissen, ein von Engherzigkeit beherrschtes Leben schaffen die Ursachen und Bedingungen für das Böse. Wo allumfassende Liebe, volles Erkennen und das Licht des sich mit dem Ganzen verbunden fühlenden Lebens herrschen, hat das Böse keinen Platz.
Die geistige Entfaltung hat an sich nichts mit dem Körper zu tun, sondern ist eine Sache des inneren Fühlens und Denkens, des Bewusstseins und seiner Disziplinierung und Reifung. Doch wenn man sich eine Stunde lang reglos aufrecht setzen kann, ist das dennoch eine förderliche Übung, die zu tieferem Nachdenken und innerer Stille anregt. Normalerweise sitzt ja kein Mensch so lange stille, sondern bewegt sich unruhig hin und her. Seiner Ruhelosigkeit werden auf diese Weise Zügel angelegt.
Ein armer, alter Mann sitzt vor seinem ungedeckten Tisch, nickt ein und träumt, er sei ein Kaiser, dem viele Könige Tribut entrichten. Dreiviertel der Welt ist sein. Sein Palast ist von Schätzen und Freuden erfüllt. Was ist wirklich - diese Erfahrung im Traum oder das Bild des armen Alten? Während er sich im Traum als Kaiser erlebt, weiss er jedenfalls nichts von dem Armen, der am leeren Tisch eingeschlafen ist.
Woher kam nun der Palast mit seiner Herrlichkeit? Wer hat ihm diesen unermesslichen Reichtum verliehen, und wer erfreut sich dieser Macht und Pracht? Aus dem leeren Hirn des armen Mannes, der hungrig und müde eingeschlafen ist, aus diesem Nichts ist alles hervorgegangen.
Mehr noch scheint die göttliche Intelligenz ein Nichts zu sein, das alles in sich enthält, alle Werte, alle Wunder, alle Freuden, alle Schätze, so wie im Bewusstsein des schlafenden Mannes Macht und Pracht, Farben und Töne, alle nur denkbaren Möglichkeiten und Fähigkeiten, Kraft und Materie enthalten sind.
So scheint auch das Göttliche ein Nichts zu sein und kann doch aus jedem Punkt des Raumes ein Paradies hervorgehen lassen. Es hält tatsächlich in jedem Punkt seines unendlichen Wesens ein Paradies bereit. Es ist vollkommen und wunderbar. Es ist allwissend, allmächtig und von wunderbarer Schöpferkraft.
Im Menschen sind die Voraussetzungen zur bewussten Erfahrung des unendlichen, vollkommenen Bildes Gottes vorhanden. Wohl hat Gott auch die Bienen wie alle übrigen Lebewesen erschaffen, und Sein Bild spiegelt sich auch in ihnen wieder; doch weder die Biene noch sonst ein Tier hat die Fähigkeit, Gedanken in Worte zu fassen oder die Bibel zu lesen. Sie kann auch nicht Betrachtungen über ihre Lebensbedingungen anstellen oder Disziplinen zur Entfaltung dessen anwenden, was an Grossem in ihr liegt.
Darum ist das Leben des Menschen gesegnet, der sich seiner Begrenzungen bewusst wird und Einblick in die Herrlichkeit Gottes in seinem Innern gewinnt, der nach hohen Idealen, nach ungewöhnlichen moralischen Vorzügen und nach der Überwindung des Todes strebt, der die Bedingungen für einen dauerhaften Frieden, für ein bleibendes Glück zu erreichen sucht und einen unstillbaren Hunger nach Erkenntnis der Wahrheit oder des schöpferischen Prinzips in sich trägt.
Die grosse Frage, die vor jedem Leben steht, ist die, ob das Herz Verlangen nach dem Unendlichen trägt oder ob es seine Zeit mit flüchtigen Vergnügungen und Äusserlichkeiten vergeudet. Auch wenn man eine Million Stunden zu leben vor sich hat, rückt man doch Stunde um Stunde dem Tode näher. Jede Stunde kommt man näher dem Grab. Das Leben ist zeitlich. Darum gilt es, jede Stunde richtig zu nützen und jede Stunde mit Gedanken, Gefühlen und Handlungen hinsichtlich des Göttlichen zu erfüllen, so dass das Leben vom Göttlichen bestimmt wird. Die Zeit ist äusserst kostbar. Alles Mögliche, was man verloren hat, kann man wieder zurückbekommen, doch nicht eine einzige Stunde, die einmal verloren ist.
Während der ganzen vierundzwanzig Stunden des Tages, sollten wir wissen, dass Gott bei uns ist, uns sieht und uns hört. Bei jeder Arbeit sollten wir das frohe Empfinden haben: "Es ist für Ihn!"
Für das gute Herz ist jeder Tag ein Fest, ein Tag der Christgeburt in seinem Herzen, ein Fest des liebenden Dienens und des Gottbewusstseins, ein Fest der Hingabe und der Reinheit, des hohen Strebens, der Selbstlosigkeit.
Immer im Bewusstsein des grenzenlosen Lichtes zu verweilen, immer Sonnenschein zu verbreiten, bedeutet ein wahres Weihnachtsfest. Das lässt sich auf hundert Weisen erreichen: indem man sich intensiv des allgegenwärtigen, allwissenden, allmächtigen Göttlichen bewusst ist, durch die Erkenntnis, dass Christus die Wahrheit und als Liebe unzertrennlich bei uns ist, dass Er alles weiss und ganz Liebe ist. Wie ein Philosoph beständig in Gedanken vertieft ist, so lebt der Gottliebende in Gedanken an Gott. Wie ein Künstler in den Gestaltungen seiner Vorstellungskraft verweilt, so ist der geistige Mensch ins Göttliche vertieft, so weilt er in Gedanken bei der göttlichen Gestalt. In allem Tun bleibt dennoch der Mittelpunkt seines Sinnens und Denkens Gott. Immerzu ist etwas im Herzen mit dem Göttlichen befasst.
Niemand möchte sterben müssen, jeder ist auf Sicherung des Lebens bedacht, jeder macht im Krankheitsfall von irgendwelchen Heilmitteln oder Heilmethoden Gebrauch. Jeder hängt am Leben. Woher kommt diese Tendenz, dem Tode auszuweichen? Es ist der materielle, empirische Ausdruck der innersten Wahrheit, dass wir unsterblich sind. Ewiges Leben ist unser wahres Wesen. Die Tendenz, den Tod hinauszuzögern und am Leben zu bleiben, ist die äussere Erscheinungsweise des Drucks aus dem unendlichen, ewigen, unsterblichen Leben, aus der Existenz, aus dem Beobachter in uns.Ein Schopenhauer weiss nicht, wo die Quelle des Willens zum Leben liegt. Er ist hier ein anderer Nietzsche, glänzenden Geistes, doch in der Fähigkeit zur unerbittlich rationalen Wahrnehmung beschränkt.
Wo finden wir dieses Leben, das nie stirbt, dieses ewige und absolute Leben? Es ist in der Wahrheit in uns, im ewigen Zeugen, im Königreich Gottes in uns zu finden. Das ist unser eigentliches, letztliches Sein und Wesen, ist immer da und sieht alles. In ihm erlangen wir die Erfahrung des unbegrenzten, unvergänglichen Lebens.
Wo könnte es Tod geben für den, dessen Herz und Denken im Bild Gottes verwurzelt sind, wenn doch dieses innerste Bild Gottes überall ist? Der Körper kommt, der Körper geht, doch wer könnte das Bild Gottes in Dir zerstören? Es ist unzerstörbar, es ist grenzenlos. Niemand kann es berühren. Es ist transzendent und allvollkommen. Es ist subtiler als das Subtilste. Es ist weit unsichtbarer als das Unsichtbarste. Du kannst es sogar in den Gedanken der anderen sehen. Du kannst Deine eigenen Gedanken sehen, doch nicht das Bewusstsein, das die Gedanken sieht. Das Bild Gottes in Dir lässt alle Formen des Sehens erst möglich werden, ist aber seinerseits nicht sichtbar. Es ist in allem innerlich zugegen und subtiler als das Subtilste.
Die Wissenschaft spricht vom Äther, der alles durchdringt. Unendlich subtiler als Äther ist der Geist Gottes in Dir. Um wieviel mehr wird dieser dann nicht bis in alle Ecken und Enden des Kosmos dringen? Berühre ihn, erkenne ihn, fühle ihn, erfahre ihn auf jede nur mögliche Weise: durch ungewöhnliche Reinheit des Herzens, durch beständig fortgesetzte Disziplin des betrachtenden Bewusstseins, durch eine sich weitende Herzensliebe und eine Seele, die nicht andere richtet, sondern beständig im Empfinden der Gegenwart Gottes lebt. Berühre dieses Bild, diese Gegenwart Gottes!
In welche Richtung auch immer ein Spiegel gekehrt und gewendet wird, das Licht, das ihn erreicht, wird reflektiert und entsprechend seiner Stellung spiegelt er die Dinge wider, die vor ihm sind. Das Herz des Gottliebenden hat immer nur das Göttliche vor sich, bewegt sich immer auf das Göttliche zu und spiegelt das Göttliche wider, wie nichts in der Schöpfung sonst fähig ist, es widerzuspiegeln. Die schönsten Blumen in all ihrer Schönheit mögen wohl von ferne an die Schönheit aller Schönheit, an Gott erinnern. Eine Seeoberfläche spiegelt vielleicht das weite Himmelszelt und die Berge ringsum wider. Nichts aber vermag wie das Menschenherz das Göttliche widerzuspiegeln.Wie wertvoll ein Diamant auch sein mag, er bleibt doch immer ein Stein unter Steinen und vergeht einmal, denn nichts in der Schöpfung ist unvergänglich. Nur eines hat wahrhaft Wert und spiegelt tatsächlich das Göttliche wider: das Herz, das voll Liebe ist. Alles in der Schöpfung vergeht, ausser dem Gott hingegebenen Herzen. Es allein zeigt das Bildnis Gottes. Wie gar nichts anderes sonst ist es dazu in der Lage, und diese Widerspiegelung ist nicht eine tote, mechanische Reflektion, sondern eine höchst dynamische Art und Weise, das Bild Gottes wiederzugeben.
Ein Kind mag die Mutter in gewisser Weise widerspiegeln. Es ähnelt ihr in ihren Gesichtszügen, und es hat die gleiche Blutgruppe wie sie; es ist auch ein Teil der seelischen Eigenarten der Mutter in ihm. Trotzdem verkörpert das Kind die Mutter nicht auf die gleiche Art wie das hingebungsvolle Herz das Göttliche verkörpert. Das Herz, das voller Hingabe ist, ist mehr als ein Kind des Göttlichen, denn es ist nicht nur ein Spiegelbild Gottes, sondern trägt Seine dynamische Göttlichkeit selbst in sich wie auch Seine Kräfte und Sein Feuer. Deshalb ist in der Schöpfung nichts so wunderbar wie das Herz, das das Göttliche widerspiegelt.
Wo immer es ein solches Herz gibt, da ist ein Heiliger, ja ein solches Herz macht den Heiligen aus. Es ist selbst das Heilige. Es ist auch der Weise, es ist der unsterbliche Mensch. Es ist ewiges Gesegnetsein! Es ist ein Teil des Unendlichen, ein organischer Ausdruck des Absoluten. So gibt es in der Schöpfung nichts, was wundervoller, herrlicher und wertvoller wäre, als das hingebungsvolle Herz. Wenn alle Welten verkauft wären und das Geld zur Verfügung stünde, könnte man mit all diesem Geld niemals ein solches Herz kaufen! Es ist sehr kostbar. Es ist Gott selbst! Es mag sein, dass wir Gott nicht erkennen, aber ein solches Herz können wir erkennen, weil es mitten unter uns lebt. Ein solches Herz besitzt der vorbildliche Mensch; er ist einer unter den anderen Menschen, doch er ist vollkommen göttlich.
Deshalb versuche danach zu streben, dass Dein Herz heftig nach dem Göttlichen verlangt, dass es voller Hingabe danach strebt, das Göttliche widerzuspiegeln und das Licht des Göttlichen zum Ausdruck zu bringen. Versuche, mehr als nur ein Kind des Göttlichen zu sein und selbst das Göttliche darzustellen. Ein solches Herz zu besitzen, sollte das zentrale Ziel des menschlichen Lebens sein. Kein Opfer ist gross genug, um ein solches Herz zu besitzen. Das grosse Königreich des Buddha ist nichts im Vergleich zu der Erleuchtung, die er erreichen konnte. Aus diesem Grunde verliess er sein Königreich und begab sich auf die Suche nach der Erleuchtung. Seelen, die ein Königreich besitzen und dennoch Erleuchtung erlangen, sind sehr selten. Sie stellen an sich das Ideal der Menschheit dar, dem man nachstreben sollte.
Das Menschenleben ist unvollkommen. Ganz gleich, wie edel, kultiviert, reich und wohlbehütet es sein mag, es bleibt immer ein Leben mit seinen Begrenzungen, ein begrenztes Leben also, das Unzufriedenheit und Missvergnügen hervorruft. Das Leben in seiner Unvollkommenheit ist von sich aus organisch auf das Vollkommene angewiesen, von dem es abhängig ist. Sich an das zu halten, was die Fülle, was unendlich, was allvollkommen ist, stellt also eine mit der Höherentwicklung verbundene Notwendigkeit dar. Das Göttliche indessen ist ganz vollkommen, und kein Leben kann wirklich glücklich sein, das nicht seinen Halt am Vollkommenen, am Göttlichen hat.
Allein das Unendliche ist Fülle. Es gibt keine Fülle an Freude im Endlichen, es gibt keine Fülle an Frieden im Endlichen. Das Leben wird unendlich, wenn es Halt am Göttlichen gewinnt. Das Leben wird ewig, indem es mit Gott in Berührung kommt und wenn es selbst das Göttliche findet.
Die
Tendenz der Wissenschaft zum Geistigen
und das Problem des Menschen
Bis vor ungefähr hundert Jahren konnten es sich die Wissenschaftler noch leisten, materialistisch und mechanisch in ihren Ansichten zu sein, heute aber sind die führenden und grössten Wissenschaftler gezwungen, hinter allem ein gewisses göttliches Prinzip oder einen göttlichen Geist anzuerkennen und zu akzeptieren. Für die führenden Wissenschaftler wird es immer schwieriger, irgend etwas von dem unermesslichen, wunderbaren physikalischen Universum zu erklären, ohne ein gewisses unsichtbares Prinzip als führende und bestimmende Kraft anzuerkennen. Mit einfachen Worten kann man sagen, dass Gott durch die derzeitigen führenden Wissenschaftler wieder in den Schöpfungsplan des Universums eingesetzt worden ist.Wenn wir also den Menschen recht verstehen wollen, gilt es, Gott recht zu verstehen. Wollen wir die Grösse des Menschen ermessen, gilt es, Gottes Grösse zu erfassen. Das haben verschiedene grosse europäische Heilige wie auch Menschen der Gotterfahrung überall auf der Welt immer wieder festgestellt, und auch Du wirst diese Feststellung treffen, wenn Du Dich zu höherer innerer Erfahrung erhebst.
Vorrecht des Menschen ist es, ständig in der Erkenntnis zu wachsen, mehr und mehr sich selbst zu begreifen und den richtigen Abstand sowohl von der Aussenwelterfahrung als auch von den eigenen psychologischen Begrenzungen und Schwächen zu gewinnen, um in seinem Innersten sein wahres Wesen zu entdecken.
Die Natur ist im Winter ihrer Schönheit entkleidet; doch ist dies nur ein vorübergehender Verlust und Vorgang an der Oberfläche. In Knospen und Zweigen verborgen liegt schon die Frühlingspracht. Wer ein wenig tiefer und weiter sieht, wer ein wenig Geduld hat zu warten, ahnt schon die Schönheit, die aufblühen wird.
Es ist also nicht weise, sein Urteil nach dem äusseren Anschein zu fällen. Es ist auch nicht weise, den Menschen nach seinem Charakterbild abzustempeln und zu sagen, er sei gut oder schlecht. Es gilt, tiefer vorzudringen, um hinter den psychologischen und moralischen Unvollkommenheiten das zu entdecken, was das innere Wesen in allem ist.
Das Leben kann uns unendliche Wunder enthüllen, sobald wir einem über das Persönliche hinausreichenden Fühlen und Denken in unserem Herzen und Geist Spielraum gewähren. Endlos sind unsere Möglichkeiten, und endlos ist die Gnade Gottes. Kummer und Leiden auf Erden widerlegen nicht die Liebe Gottes, noch sprechen sie für die Schwäche und Unfähigkeit des Menschen. Diese sind nur ein zeitweiliger Zustand, der als wesentliches Merkmal ein begrenztes, menschliches Bewusstsein begleitet. Aus diesen Begrenzungen hinauszuwachsen ist die Aufgabe unseres Lebens. Das kann durch Entwicklung von Vernunft oder Liebe, von Glauben und Hingabe geschehen oder aber durch beständiges Hineinwachsen in höhere Kultur und durch Umwandlung des Unbewussten.
Das Leben gewinnt in dem Masse an Würde und Wert, als wir geistige Qualitäten in ihm zum Ausdruck bringen. Künstlerische Talente, Liebe, Weisheit, Geduld, moralische Qualitäten - sie alle sind Schätze, die es aus dem Inneren zu entfalten gilt. Eine geschickte Hand, Vernunft und Verstand sind ebenfalls Gaben des Gottesgeistes. Ist die Vernunft beschränkt, wird sie zu vielen und grösseren Fehlern führen, wenn man sich auf sie verlässt; wächst sie aber und wird heller und heller, führt sie schliesslich bis nahe an die göttliche Wirklichkeit heran.
Was ist wohl die höchste Wissenschaft auf Erden? Sie hat den Weg der göttlichen Vollkommenheit zum Gegenstand und fasst in sich das Wissen um das Wesen der höchsten Wirklichkeit, sowie Mittel und Wege, um diese in Erfahrung zu bringen.Wie kommen wir dazu, die Wissenschaft der Gotterfahrung als wissenschaftlich zu bezeichnen, sie gar die Wissenschaft aller Wissenschaft zu nennen? Die Physik, wie überhaupt die ganze Naturwissenschaft befasst sich mit äusseren Phänomenen. Sie erforscht das Wie und Warum der Vorgänge im Bereich der Aussenwelt. Doch auf die letzten Fragen, das eigentliche Warum und Wozu, kann sie auch in diesem Bereich keine Antwort geben. Ihr Wirkungsfeld ist auf die Schöpfung beschränkt. Dem geistigen Sucher geht es um den Schöpfer selbst. Er forscht gerade den allerletzten Ursachen nach, die unserem Universum zugrundeliegen. Er hat eine Welt zum Gegenstand, die zeit- und raumlos ist. Er dringt zum innersten Geist des Menschen vor und entdeckt dahinter die grundlegenden Prinzipien des Bewusstseins. Wer auf diesem Wege das unendliche Bewusstsein zu erforschen bestrebt ist, wer um innere Höherentwicklung ringt und die höchsten Möglichkeiten seines Bewusstseins zu erfassen sucht, braucht höchste Verstandesklarheit und zugleich ein empfindsames, offenes Herz für die Gottgegenwart. Er muss Wissenschaftler im besten Sinne des Wortes und zugleich ein Gottliebender sein.
Weitere wissenschaftliche Forschung wird schliesslich auch zur Erkenntnis führen, dass Religion und Wissenschaft zuletzt innerlich verbunden sind und sich dieser ihrer Zusammengehörigkeit bewusst werden sollten. Beide sollten einen Weg der Annäherung finden. Die Religion kann sogar wissenschaftlich werden, allerdings nicht im Sinne der modernen Religionswissenschaften, welche die Religion der Wissenschaftlichkeit opfert, sondern in einer echten Synthese, welche die Menschheit emporhebt und eint. Der letzte Sieg gehört hier und dort der Wahrheit.
Je mehr Du das Leben analysierst, umso mehr entdeckst Du seine grundlegenden Schwächen und siehst, wie sehr es von Unwissenheit und Irrtum, von irrationalen Tendenzen regiert ist. Das Menschenleben ist vom Anfang bis zum Ende in solchen Kräften verfangen, ohne Ausweg und Abhilfe. Dagegen gibt es keinen, Schutz, wenn nicht die Gnade Gottes für Dich wirkt. Ausserhalb des Göttlichen gibt es keine Hilfe, denn das psychische Wesen des Menschen selbst ist aus diesen Kräften der Welt gewoben. Nicht mit allem Können und Reichtum der Welt kann man sich dieser titanischen Kräfte des Irrtums und des Übels erwehren. Nur das Licht des Göttlichen, die Gottesgnade, die Hingabe an Gott können sie überwinden. Dennoch ist die Erde der Ort, wo die Heiligen wachsen.Wie hat ein heiliger Franziskus das Göttliche erlebt? Wie haben die grössten Weisen der Welt das Göttliche wahrgenommen? Wie haben sie dem Göttlichen ihr Leben lang gedient und geopfert und ein starkes, machtvolles Leben voll grosser, unvergänglicher Werke Gott dargebracht? Solche Fragen stellt die Intelligenz des geistigen Menschen. Er lässt sich vom Göttlichen leiten, und das Erleben des Göttlichen prägt ihn bis tief in das Unbewusste.
Warum erleben wir Dunkelheit statt Gott? In Wirklichkeit gibt es nur Licht, Gott, Vollkommenheit und das Königreich des Himmels, das bei uns ist, das uns hier und jetzt umgibt. Dennoch erlebst Du Dunkelheit und Krankheit. Diese Erscheinungen sind nur funktioneller Natur und liegen im psychologischen Bereich. Nicht Gott hat uns verlassen, verworfen oder ins Dunkel verbannt. Die Dunkelheit und das Gefangensein, unser hilfloses Wesen sind Schöpfungen unseres eigenen Denkens. Doch sind sie, wie gesagt, nur funktionell und darum nicht von absoluter Realität, somit lassen sie sich beseitigen. Weil sie nur funktionell sind, sind sie nicht von echter Wirklichkeit, sondern nur von jener relativen Wirklichkeit, die Vorstellungen und Illusionen eignet. Wären sie wirklich, organisch, wären wir ins Gefängnis verbannt, ohne Aussicht, jemals aus der Dunkelheit befreit zu werden. Doch weil diese Erscheinung funktioneller Natur ist, steht Heilung in Aussicht.
Der Mensch bedarf der Erziehung, der Bildung, der Disziplinierung seines Lebens. Die Erde ist ein Ort der Übung und Bewährung für den Menschen. Doch geht es dabei nicht so sehr um die Aneignung äusserer Fertigkeiten, die nur Instrument zur Lebensbewältigung und zum Dienst an anderen sind, als um die Erzielung einer inneren Umwandlung, die durch all das bewirkt wird. Es geht um mehr als um blosse Dressur. Auch Tiere können lernen. Man siehe doch nur, wie ein Affe ein Auto oder Tonbandgerät bedient! Diese Art von Bildung hat keinen tieferen Wert. Wirkliche Bildung liegt in der Umwandlung des inneren Wesens, so dass die Intelligenz von innen her licht und offenbarungsträchtig wird und Liebe und Freude das Herz erfüllen. Dann werden Probleme, kaum dass sie aufgegekommen sind, wieder verschwinden, und das Leben wird durchsichtig für das Bild Gottes im Inneren. Wahre Bildung und Kultur, die zu Fortschritt und Höherentwicklung des Menschen beitragen, lassen die Eigenschaften Gottes im Menschenleben zutagetreten.Der Wert geistiger Erkenntnis und Lebensführung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Schule und Hochschule vermitteln leider viel zu wenig von solcher Erkenntnis. Auch die meisten Eltern sind ausserstande, ihren Kindern hier weiterzuhelfen, auch wenn ihnen noch so viel an deren Wohl gelegen ist, und sie genau wissen, dass die geistige Erkenntnis und Lebensführung das wirksamste Vorbeugungsmittel gegen alle Erkrankungen des Leibes und der Seele sind, denn wer über Einsicht in sein metaphysisches Wesen verfügt, wird sich nicht mehr von emotionalen Problemen zermürben lassen.
Ein Mensch, der über innere Kultur verfügt, sieht seine Gedanken so deutlich vor sich, wie andere eine Blume vor sich sehen, und während der Mensch sich im allgemeinen leicht von allen möglichen Gedanken und Regungen gefangennehmen lässt, ist es kennzeichnend für den geistigen Menschen, dass er innerlich Abstand nimmt. Steigt Zorn in ihm auf, fasst er ihn ins Auge und lacht ihn aus, statt sich von ihm ergreifen zu lassen. Auch lässt er sich von keinem Ärger zermürben, sondern fragt den aufsteigenden Ärger aus, was er denn bezwecken möchte. So zur Rede gestellt, wird der Ärger schwach und fällt um.
Wenn das Leben schön, friedlich, glücklich und kraftvoll sein soll, ist Kultur von hoher Bedeutung. Es sind im Menschen nämlich Fähigkeiten vorhanden, die über alle Triebe und Regungen des Menschen erhaben sind. Auch der an Depression Erkrankte weiss noch um seine Depression, und im Wissen darum liegt eine Möglichkeit zur Befreiung. Was in ihm feststellt, dass er niedergeschlagen sei, ist etwas anderes als das bedrückte menschliche Gemüt.
Wunderbare Kräfte gelangen im Menschen zur Wirksamkeit, obwohl das menschliche Bewusstsein immer noch begrenzt, immer noch unrein und von allen Seiten vom Dunkel der Unwissenheit umfangen ist. Man betrachte die Kräfte im Traumbewusstsein, die eine eigene Zeit-Raum-Ordnung erschaffen: Ganze Städte, ja Welten gehen aus ihnen hervor!
Oder man betrachte das schöpferische Bewusstsein grosser Erfinder und Wissenschaftler! Das Bewusstsein ist auch das Geheimnis hinter allem künstlerischen Genie, die Quelle aller intuitiven höheren Wahrnehmungen wie auch der Stärke, über welche die grossen Propheten und Weisen verfügen. Es ist auch die Grundlage jeder Errungenschaft menschlicher Kultur.
Grosse Komponisten wie Beethoven und Bach, Mozart und Schubert hörten nicht irgendwo Musik und ahmten sie nach. Sie waren nicht durch geheime Antennen mit dem Herzen Afrikas, Indiens oder der Arktis verbunden. Es war überhaupt keine äussere Musik, die sie vernahmen, sondern sie hörten die Musik in sich selbst. Ihr Bewusstsein war auf eine höhere Ebene erhoben und befand sich in einer kostbaren schöpferischen Stimmung. Sie waren von der musikalischen Empfindung, der wundervollsten aller Empfindungen, ergriffen. Was erschuf denn die neue Melodie, die neue musikalische Komposition? Es war der Geist in ihnen, der schöpferisch ist. Er ist der Ursprung aller Genialität, und dieser Ursprung ist in jedem von uns, sind wir doch nach dem Bild des höchsten Geistes erschaffen.
Der Mensch ist leicht geneigt, jenen keinen Glauben zu schenken, die etwas aus einer neuen oder den anderen nicht vertrauten Perspektive sehen. Hätten die Mondfahrer nicht Farbfotos mitgebracht, sondern nur erzählt, die Erde sei blau, würden ihnen viele nicht glauben und sagen: "Sieh doch hin, die Erde ist grün oder braun." Die Sicht aus einer neuen Perspektive läuft immer Gefahr, nicht ernst genommen zu werden.
Gottes Wesen ist Unendlichkeit. Nichts ist grösser als das Unendliche. Sein Wesen ist das Absolute. Es gibt nur ein Absolutes, ein Unendliches. Es kann gar nicht zwei Unendliche geben. Spricht man von einer zweiten Unendlichkeit, kann diese nur im menschlichen Denken als eine Vorstellung bestehen, der keine Wirklichkeit zukommt. Sie ist ein blosses Gedankengebilde ohne Entsprechung in der Realität.Was das Vorzüglichste ist, verdient unsere Verehrung, ist unserer ganzen Anbetung wert. Darüber sollte man nachdenken. Ihm sollte man sich nahen, um in Ihm zur Erfüllung zu gelangen. Das Leben verliert dadurch seine üblichen Begrenzungen.
Man stelle sich einen sehr starken Langwellensender vor. Angenommen, die von ihm ausgestrahlten Sendungen umkreisten den ganzen Erdball und könnten überall, in allen Teilen der Welt, empfangen werden. Stellen wir uns nun ein halbes Dutzend Empfangstellen auf der Erdoberfläche vor. Jede könnte sich als Mittelpunkt des ganzen kugelförmigen Wellengebildes bezeichnen, und tausend andere Orte ebenso. An einer Kugeloberfläche ist jeder Punkt ein Mittelpunkt. Die Erde - hier als Kugelgestalt vorgestellt - ist zwar in ihrer Grösse begrenzt, doch hat sie kein Ende. Sie ist von begrenzter Unendlichkeit. Das Göttliche als eine unendliche und in jeder Hinsicht unbegrenzte Wirklichkeit hat in jedem Menschen und in jedem Punkt des Raumes seinen Mittelpunkt. Das ist ein Wunder, das menschlicher Vernunft unfassbar erscheint.
Mit dieser staunenerregenden Wirklichkeit, die auch Wahrheit genannt wird, gilt es, menschliche Beziehungen aufzunehmen. Der ernste Sucher nach dem Göttlichen schliesst Freundschaft mit diesem unbegrenzten Wesen, ist es doch auch eine persönliche Gegenwart, mit der man ins Gespräch treten und jede Beziehung aufnehmen kann, wie die Geschichte geistiger Erfahrung zeigt. Das Unbegrenzte nimmt entsprechend der Hingabe des Gottliebenden eine begrenzte Form an. Das Unbeschreibliche, das Unendliche hat sich der Erfahrung des Gottsuchenden schon auf vielfache Weise gezeigt. Gott kann auf hundert verschiedene Weisen in unser Leben eintreten: als Friede, als Erleuchtung, als Freude, als Weisheit oder als Freund - oder auch als all das zusammen, und dabei dennoch zugleich Unendlichkeit bleiben, also den Aspekt des Unpersönlichen wahren. Durch seine Persönlichkeit führt das Göttliche den Sucher aus seinen Begrenzungen heraus, hinein in die Unbegrenztheit seines eigenen Wesens. Dadurch wird Gotterfahrung erst möglich.
Der interessanteste Abschnitt in der geistigen Entwicklung des Gottsuchers tritt ein, wenn Gott einmal zum integralen Bestandteil seines Lebens geworden ist, noch während er im Körper auf Erden weilt und seine innigen Beziehungen mit dem Göttlichen pflegt.
Dieser Zustand allein ist dem göttlichen Sein gemäss und natürlich, dieser unerfassliche Zustand, der jenseits aller Zustände ist. Unser Leben findet erst dann seine Erfüllung, wenn wir diesen erreichen. Dies wird möglich durch Liebe und Hingabe an Gott, durch schlichten Glauben. Er ist von grössten Geistern durch das Wirken ihrer hochentwickelten Vernunft erreichbar. Auch grosse Kontemplative können dahin gelangen. Alle Bedingungen des Lebens ermöglichen einen Weg zur unbedingten Freiheit und Vollkommenheit Gottes, denn Gott ist ja der Atem unseres Atems, das Bewusstsein unseres Bewusstseins und das Leben unseres Lebens.
Grosse europäische Denker haben Gott als Vernunft umschrieben. In der Bibel heisst es, Gott sei Licht. Licht und Vernunft sind nicht zwei verschiedene Dinge. Auch heisst es in der Bibel, Gott sei Liebe. Auch hier liegt kein Widerspruch vor, denn Liebe und Licht sind ein und dasselbe. Wo Liebe ist, wird das Auge erleuchtet, wird das Leben froh und ein Phänomen der freudigen Opferbereitschaft.
Wo bei einem Menschen die eine oder andere Eigenschaft des inneren Geistes nicht zum Ausdruck kommen kann, weil die Organe dazu fehlen, gibt es bestimmt eine andere - oder auch verschiedene andere - die entwickelt werden können. Jeder sollte darum bemüht sein, höhere Eigenschaften aus sich heraus zum Vorschein zu bringen. Je mehr von dem, was im Bilde Gottes angelegt ist, zum Ausdruck gelangt, umso schöner, reiner, friedlicher wird das Leben und umso wertvoller für die menschliche Gesellschaft.
Was für die Probleme der heutigen Menschheit als Ursache angegeben wird, ist meist sekundär, und auch die Lösungen, die von Politikern und Philosophen vorgeschlagen werden, können die Situation nicht völlig beheben, weil sie nicht an die Wurzel des Übels reichen. Die völlige Lösung führt über die Umwandlung des Menschen von innen her.
Die völlige und unwiderrufliche innere Umwandlung und die Ausformung des geistigen Charakters im Menschen ist das höchste Phänomen, das sich überhaupt denken lässt. Das geht nicht von einem Tag zum anderen, sondern nimmt Jahre und Jahrzehnte des geduldigen unverbrüchlichen Glaubens und der beständigen harten Übung in Anspruch. Dazu kommen Prüfungen, die oft gar nicht als solche erkannt werden. Werden sie aber bestanden, schreitet der Mensch auf gefestigter Grundlage innerlich weiter voran. Erst dann beginnt das eigentliche geistige Leben. Es mag nicht allzu schwer sein, hie und da einen kleinen Schimmer des Göttlichen zu erhaschen, doch wird niemand so unweise sein, das für die letztgültige Erfahrung Gottes zu halten. Dass solche Erfahrungen eintreten, ist wertvoll, doch nicht unerlässlich. Echte Geistigkeit, die von Dauer ist und Bestand hat, wird immer das Ergebnis einer stetigen Entfaltung des inneren göttlichen Wesens sein.
Hier und jetzt lässt sich die ganze Fülle und Vollkommenheit des unendlichen göttlichen Geistes erfahren. Der Himmel ist nicht ein weit entfernter Ort. Er ist nicht so weit weg wie der Mond. Er ist uns viel näher. Hier und jetzt können Philosophen höchste Gedanken denken. Hier und jetzt lassen sich Wahrheiten über das Universum entdecken, die noch keiner kennt, oder auch Wahrheiten über die Wahrheit selbst, über die höchste Wirklichkeit. Hier und jetzt lässt sich unendliche Freude und ewiges Leben erfahren. Hier und jetzt können wir den Tod überwinden.
Dass wir den Himmel erleben, geht einfach aus unserem Geöffnetsein für die Gottgegenwart hervor.
Der Geist in Dir ist unsterblich und unzerstörbar. Als bewusster Geist sollten wir unser Leben führen. Durch eine solche Haltung erlangen wir die allumfassend weite Liebe und die Hingabe an Gott, aber auch durch Übung und Opferbereitschaft, und dadurch, dass wir den Gegenstand unserer Hingabe nie aus dem Auge verlieren.
Gott schuf den Menschen als sein eigenes Abbild, und Gott ist Geist. Er ist transzendent. Gott ist unendliche Liebe, unendlicher Friede, unendliche Freude. Nach diesem Bild sind wir erschaffen. Doch bringt der Mensch diese Merkmale und Qualitäten unglücklicherweise nicht zum Ausdruck! Er hat die Beziehung zu diesem Bild Gottes in sich verloren und glaubt nicht mehr daran, dass er das Ebenbild des Schöpfers ist. Er begnügt sich damit, die Materie zu erforschen und bringt es in Wissenschaft und Technik darin so weit, dass er in der Lage ist, Materie in Energie aufzulösen. Er bedroht damit seinen Wohnort, die Erde, er verunreinigt Wasser und Luft und lacht über jene, die sich über Gott Gedanken machen. Der geistige Mensch aber bereichert die Erde, das Wasser und die Luft, ja sogar den Raum. Er bereichert das Leben.Der Mensch steht vor der Wahl. Die ganze Welt ist von der allgewaltigen Gegenwart Gottes durchdrungen, die jeden Segen in sich trägt, jede Vollkommenheit, jede Hilfe, von der man Gebrauch machen kann oder auch nicht. Es steht ihm frei, in der Vorstellung einer Stoffwelt zu leben, aller wahren Hilfe beraubt, allen möglichen menschlichen Ängsten und Problemen und Begrenzungen ausgesetzt. Eines aber ist sicher: Dieses materielle Universum ist eine vorübergehende Manifestation, während die göttliche Welt die einzig wirkliche Welt ist. Sie allein ist höchste Kraft, wahre Stärke. Das erfährt jeder Mensch, wohin immer er sich begibt. Gott ist Vater, Mutter, Allmacht, ewiger Reichtum, der überall einlösbar ist, und jene, die sich auf die Seite des Göttlichen stellen, können sich durch ständigen Anruf ans Göttliche läutern. Je mehr sie dies tun, umso empfänglicher werden sie für die Wunder der Gottgegenwart.
Der Mensch ist an sich nicht fähig, das Wesen Gottes zu erkunden. Menschliches Denken steht still angesichts des wunderbaren Wesens Gottes. Wenn geistige Menschen in allen Jahrhunderten Gott aus Erfahrung kannten, dann nicht mittels der Kräfte menschlichen Denkens und Fühlens, sondern indem sie diese hinter sich liessen und sich über die Begrenzungen des Menschlichen erhoben. Nur was dem Göttlichen ähnlich ist, kann Gott schauen. Dennoch sind die Gottliebenden die mutigsten Geister auf dieser Erde. Ihr ganzes inneres Wesen ist von der Erkenntnis dessen entflammt, was grundlegend und wesentlich ist. Sie geben sich mit nichts auf der Welt zufrieden ausser mit der unendlichen Erkenntnis, ausser mit der unendlichen Erleuchtung, ausser mit dem unendlichen Frieden, der endlosen Freude und Kraft und dem unendlichen Bewusstsein. Reichtum, wie gross auch immer, stellt für sie keine Versuchung dar. Vergnügungen, wie gross auch immer, können sie nicht an die Erde fesseln. Nichts auf der Welt kann sie binden oder auch nur ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie sind Menschen mit einer höheren Schau, Menschen des Glaubens und der höheren Einsicht. Die Fähigkeit zu unterscheiden, was wesentlich und was unwesentlich ist, ein ruheloses Verlangen nach höherem Erkennen, das über die psychologische Einsicht und das nur äusserliche Wissen hinausreicht, ist kennzeichnend für sie.
Sobald ein Mensch zu Gott hinstrebt, fangen widerstrebende Kräfte an zu wirken, die zwar immer schon da sind, aber sich ruhig verhalten, solange sich der Mensch mit der Welt zufrieden gibt. Plötzlich auftretende Widerstände in Form von schlechten Gedanken und Regungen, Minderwertigkeitsgefühlen und Depression sind Zeichen der Dunkelheit in uns, können aber unter diesem Gesichtspunkt auch als Symptom geistigen und psychologischen Fortschritts bewertet werden.Erkenne, dass in grosser Demut die Rettung liegt. Je mehr wir dem eigenen Ich entsagen, umso besser ist es.
Während üblicherweise das Leben durch wenig Freude und viel Kummer und Schmerz gekennzeichnet ist, lässt sich durch innere Umwandlung ein Leben erlangen, das auch im äusseren Bereich würdig und harmonisch ist. Allerdings ist ein wenig Geduld und Weisheit und Selbstbeherrschung nötig.
Unser äusseres Leben spiegelt die Art unserer Gedanken wider. Hegen wir edle, geistige Gedanken, wird unser äusseres Leben ganz von selbst ein Lied der Harmonie, des Friedens, der Ordnung, des Fortschritts und Erfolgs. Was macht den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Menschen aus? Nicht die äussere Erscheinung ist ausschlaggebend, sondern was er denkt, fühlt und tut.
Worin zeichnet sich ein heiliger Franziskus von Assisi vor anderen aus? Besteht der Unterschied in der natürlichen Beschaffenheit, in ihrer Struktur und Gestalt? Der einzige Unterschied mag vielleicht darin liegen, dass der Heilige nicht gerade schön aussieht, während der andere auf sein Äusseres hält. Was aber erhebt einen heiligen Franziskus über andere Menschen? Es sind die geistigen Gedanken, die ihn begleiten, wohin er auch geht, die göttlichen Gefühle, die in seinem Herzen wohnen, wo immer er sich befindet, das geistige Bewusstsein, das sein ganzes Leben regiert.
Durch beständig unterhaltene positive Gedanken und Gefühle läutert sich das Innere des Menschen mehr und mehr, und die entstellenden Kräfte der Gier, des Neides, der Abneigungen treten zurück und verschwinden schliesslich ganz. Jede gute Regung ist eine Kraft, die verwandelt. Werden beständig alle negativen Regungen und Gedanken durch gute, anregende, erhebende ersetzt, kommt ein Vorgang der Höherentwicklung in Gang, der die Intelligenz läutert und die Gefühle verfeinert.Die Gottsuche geht vom Göttlichen in uns aus. Sie erfolgt aus dem innersten Antrieb des Geistes, der in jedem ist und strebt auf Erkenntnis dieses Geistes hin. Sie ist eng verbunden mit der Auflösung der Selbstsucht. Sie nämlich ist es, was uns an der Erkenntnis dessen hindert, was himmlisch ist. Sie versperrt die Sicht auf das Eine, das Verbindende, die vollkommene Liebe, die Wahrheit.
Abstandnehmen dem menschlichen Ich gegenüber ist nötig, um das Bild Gottes in uns offenbar werden zu lassen. Das ist bei Christus so und auch bei Paulus, nur dass Paulus Christus gewissermassen als Vorbild und Vorkämpfer hat und darum statt vom Einswerden mit dem Vater vom Einswerden mit Christus spricht, vom Sein in Christus, vom Sterben und Auferstehen mit Christus. Für ihn ist Christus die Tür, der Eingang zum Vater geworden.
Gott ist also allbarmherzig und macht sich den menschlichen Augen sichtbar, wird für die menschliche Erfahrung wirklicher als die Menschen ringsum, lässt sich ins Gespräch mit den Menschen ein und lebt ein Leben in Verbindung mit dem Menschen. Darin liegt einer der Beweise für sein Erbarmen. Er wartet auf jene, die Ihn lieben und verehren. Ihn zu verehren, heisst die Wahrheit verehren.
Jene sind gesegnet, die sich von der Unwahrheit zur Wahrheit bewegen. Unwahrheit gibt es nicht nur im Sinne einer Lüge, sondern unwahr ist alles, was eine Begrenzung darstellt, alles, was vom Wesen der Vergänglichkeit ist. Das Leben im Körper ist ebenfalls Unwahrheit, denn im Tode legen wir den Körper ab. Ein Leben in der Begrenztheit des Körpers von Zeit, Raum und Umständen ist auch Unwahrheit, ist eine Welt der Dunkelheit. Von dieser haben wir uns auf die Wahrheit hinzubewegen.
Der Mensch sollte unmittelbare dynamische Beziehungen mit ihr im täglichen Leben anknüpfen, so dass sie nicht mehr eine abstrakte Wahrheit für ihn ist, sondern die unendliche unermessliche Essenz des Daseins selbst, ein grenzenloses Meer des Bewusstseins, das überall zugegen ist und die besten Gedanken in ihm wachruft, sich durch schöpferisches Tun bekunden will. In hundert Formen kann sich dieses Bewusstsein als wirksam erweisen, unter anderem als künstlerisches Schaffen. Jeder grosse Künstler weiss sich abhängig von Inspiration.
Man sehe sich das menschliche Bewusstsein an und erkenne, wieviele Kräfte auf den verschiedenen Ebenen unseres Seins darin verborgen sind: Kräfte psychologischer, geistiger und psychischer Art, göttliche Kräfte des Glaubens, der alles einschliessenden, unendlichen, absoluten Liebe, Kräfte des Gottbewusstseins.
Liebe ist eine äusserst feine Kraft, und der Geist in uns, als die Quelle der Liebe, ist die allerhöchste und daher allerfeinste Kraft. Gott wird von den grossen Religionen als Macht aller Mächte, als Allmacht bezeichnet. Die Physik befasst sich mit Energien, mit unbelebten Stoffen, mit Stein oder Holz. Für die Wissenschaft ist Energie das Letzte. Hier macht sie halt. Wenn nun aber ein grosser Wissenschaftler, sagen wir Einstein, an die Wandtafel schreibt und Geheimnisse des Universums enthüllt, stehen die anderen wie Kinder da und verstehen nichts. Seine Hingabe an die Wissenschaft ist so gross, dass der Geist in ihm die Wahrnehmungskräfte seiner Intelligenz so sehr erhöht, dass sie fähig wird, Dinge zu entdecken, die anderen verborgen sind.
Die höchste Regung ist die Hingabe, nicht an eine bestimmte Wissenschaft oder Kunst, sondern die Hingabe an Gott. Diese lässt den Menschen zum Propheten und zum Musiker, zum Künstler und Philosophen, zum Schriftsteller und zum grossen Liebenden, zum Direktor oder zum Heerführer werden, zu jemand, der sich völlig beherrscht und furchtlos ist, der keine Todesfurcht kennt, dafür aber grenzenlosen Mut und Willen, zum Ziel zu gelangen. Alle diese Gaben entwickeln sich aus der Hingabe an Gott.
Hingabe ist die höchste Regung. Sie ist die Quelle aller Genialität und aller Inspiration, aller schöpferischen Fähigkeiten, des Entdeckermuts und der Intelligenz, die zu neuen Erkenntnissen vordringen.
Der Mensch liebt seine Kinder und verrät durch diese Liebe das grundlegende Wesen seines inneren Seins. Lebe als Liebe, bewege Dich als Liebe, wachse in der Liebe, und Du selbst bist die Antwort und die Lösung auf jedes Lebensproblem. Du erlangst Grösse auch wenn Du keinem Menschen auf der Welt bekannt bist.Liebe verleiht Grösse. Grösse ist eine natürliche Folge des Wachstums in der Liebe. Ein Grosser ist nichts als das Ausmass seiner Liebe, die Weite und die Tiefe seiner Liebe. Ein wirklich Grosser - nicht jemand, der durch die Presse erst gross gemacht wurde - ist durch seine Liebe gross.
Jeder hat im Hintergrund seines Denkens und Fühlens ein Streben, das alles, was er denkt und fühlt, auf einen Hauptnenner bringt. Wer den Sinn des Lebens im Geldverdienen sieht, hegt ein Geldbewusstsein im Hintergrund. Was immer er denkt und plant, dreht sich um Geld. Sein Denken geht unvermeidlich auf Gewinn von Geld aus. - Kein Mensch ist ohne ein Hintergrundsbewusstsein irgendeiner Art. So haben manche technisch begabten Jugendliche ständig irgendwelche Apparaturen im Kopf und bauen in Gedanken daran. Sogar beim Essen sind sie noch bei ihren Maschinen.Jeder hat ein Hintergrundsbewusstsein. Es kann manchmal den Menschen völlig beherrschen: Eine junge Mutter etwa, die zur Arbeit geht, hat im Geist immer ihr kleines Kind vor sich. Oder jemand, der soeben erst schwimmen gelernt hat, ist ganz vom Erlebnis des Schwimmens erfüllt, bis dieses allmählich wieder abklingt und einem anderen Interesse Platz macht.
Der geistige Mensch hat ständig Gott im Hintergrund seines Bewusstseins, und dieses Interesse macht keinem anderen Platz. Alles Tun und Lassen, Denken und Fühlen entspringt diesem Bewusstseinshintergrund.
Gefühle und Gedanken bestehen, wie auch der Körper und alles Stoffliche, aus Energien. Verkehrtes Denken ist infolgedessen eine negative, störende Kraft. Gute Gefühle, edle Gedanken, die von Hingabe an Gott inspiriert sind und denen die Liebe zum allgegenwärtigen Gott, zur Schönheit, Wahrheit, Erkenntnis des Göttlichen zugrundeliegt, sind Kräfte, die erheben.
Was immer wir hören, berühren, denken, erfahren, sehen, fühlen, ist von Gott erschaffen und ist in Gott. Überall ist letztlich Gott allein. Der Mensch, dem diese Tatsache entgeht, lässt sich vom Gefühl der ichhaften Vereinzelung und vom Anblick der Vielfalt blenden. Er erlebt nur das Vielerlei der Welt und leidet. Die Wahrheit aber ist Gott, der überall ist. Die Welt ist in Ihm. Er befindet sich in ihr und ist zugleich mehr als die Welt.Ein Mensch, der Gottbewusstsein erlangt hat, wird auch im Wirken menschlicher Intelligenz und Genialität die Gegenwart der absoluten Intelligenz, die göttlich ist, erblicken. Normalerweise entgeht dem menschlichen Scharfblick, was die innerste Seele in aller Intelligenz ist. Der Gottbewusste jedoch sieht hinter der menschlichen Intelligenz das Wirken dessen, wovon sie selbst nichts weiss. In allen Dingen und in allen Wesen, in allem, was in Erscheinung tritt, nimmt er eine Welt des unendlichen Friedens, der Freude, des Lichts und der Vollkommenheit wahr. In ihr lebt er, und in ihr bewegt er sich. Zeit, Raum und Umstände haben keine Bedeutung für ihn. Die Freiheit, deren er sich in diesem Bewusstsein erfreut, ist ohne Grenzen.
Alles offenbart Ihn, alles ist in Ihm enthalten. Er ist die erste und die letzte Wahrheit. Alles ist von Ihm, nach Seinem Bild des Friedens, des Glücks und der Schönheit erschaffen, aus Seinem Sein hervorgegangen und besteht aus Ihm. Etwas anderes zu sehen als Gott bedeutet: Vereinzelung, bedeutet menschlich begrenzt, unwissend, dunkel und geplagt sein.
Gott, der die Intelligenz unserer Intelligenz, das Leben unseres Lebens ist, ist von grösserer Wirklichkeit als das Licht, das Du siehst, ist wirklicher auch als die Luft, die Du atmest, wirklicher als die Knochen im Inneren des Körpers und näher als das Pochen des Herzens. Gott ist die Wirklichkeit der Wirklichkeiten. Du kannst Dich nirgendwo ohne Ihn hinbegeben. Du kannst nichts denken, ohne dass Er davon weiss.
Diese Wirklichkeit der Wirklichkeiten ist überall und ist unendlicher Friede, unendliches Glück, unendliche Vollkommenheit und Freiheit. Es gibt kein grösseres Unglück, als dies nicht zu wissen, und keinen grösseren Segen, als dies zu erleben. Wir suchen nach Freuden in der Nahrung und in anderen Dingen, während unendlicher Friede und unendliches Glück uns zuinnerst erfüllt und uns ständig umgibt.
Wir sind ruhelos, und doch umgibt uns und erfüllt uns zuinnerst unendlicher Friede, der wirklicher ist als das Licht, das wir sehen. Wie aber sollen wir diesen Frieden erfahren? Wie können wir dieses Glück, diese Freiheit und diese Vollkommenheit erleben?
Nach Erleuchtung streben heisst, um das bitten, was alle Selbstsucht auflöst. Es gibt nur ein Einziges, das zu suchen nicht selbstsüchtig ist, nämlich Erleuchtung, Reinheit, Wahrheitserkenntnis. Das Göttliche ist so voller Güte, dass es die Früchte unseres Denkens, Fühlens und Tuns in Anrechnung bringt, damit es uns möglich wird, eine solche Erfahrung zu erlangen.
Je mehr der Mensch in der Liebe heranreift, umso mehr gelangen in seinem Leben auch andere Attribute des göttlichen Geistes zum Selbstausdruck. Ein heiliger Franziskus, den die Menschheit noch nach Jahrhunderten liebt und schätzt, war nicht mit durchdringenden Verstandeskräften begabt, er war weder ein Wissenschaftler noch ein Gelehrter, nicht einmal ein hochgebildeter Mann oder grosser Künstler, aber er hatte ein grosses, liebendes Herz, und dieses besass bei ihm zwei Dimensionen: Einerseits verströmte er seine Liebe an die Menschheit, ja die ganze Schöpfung, andererseits hegte er eine grosse Liebe zu Christus.Wenn der Vater der Familie keine Lösung mehr findet, wenn es um die Kinder geht, findet die Mutter bestimmt noch einen Ausweg. Sie lässt sich nicht erschrecken. Ihre Liebe macht sie erfinderisch, und so findet sie auch den Weg, der aus der Schwierigkeit herausführt. Ihr Wortschatz enthält hier kein Nein. Willst Du das Leben bereichern und im Alltag den Frieden und wahre Lebensfreude erleben, dann bleibt Dir keine andere Wahl, als in der Liebe zu wachsen.
Wahrer Friede ist ein innerer Bewusstseinszustand, bei dem äusserer Lärm keine Rolle mehr spielt. Andere Formen des Friedens sind Täuschung und weichen nur allzu leicht neuem Unfrieden, denn das Wesen des Menschen ist ruhelos und ohne Frieden. Sein Herz ist krank vor Unruhe. Er findet keinen wahren Frieden, selbst wenn er am einsamsten Ort der Welt wohnt.
"Alle Kreatur sehnt sich mit uns", sagt Paulus (Röm. 8, 22), und Augustinus ruft aus: "0 Herr, unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir".
Universale Liebe, die nicht auf die eigene Familie und auch nicht auf die eigene Rasse oder Gesellschaftsgruppe beschränkt ist, sondern sich auf die ganze Menschheit und darüberhinaus auf die ganze Schöpfung erstreckt, fühlt die innere Verwandtschaft mit allem, was sichtbar und unsichtbar ist. Eine solche Liebe ist nicht nur fähig, die Sprache der Vögel und Blumen, sondern sogar die der Kristalle, der Steine und Flüsse zu verstehen. Eine solche Liebe erhebt in einen beständigen Zustand der Inspiration. Die grössten christlichen Heiligen und Mystiker haben diese Weite der Liebe erreicht. Einer von ihnen, der holländische Mystiker Ruysbroek, spricht vom Menschen als von Gott in Gott.
Der Weg zur Gotterfahrung ist die Liebe. Sie ist der Weg. Sie ist das Ziel. Sie ist die Methode und das, was durch die Methode erlangt wird. Gott allein kann Gott erkennen. Gott muss in Dir wachsen, ehe Du Gott erkennen kannst. Wie aber wächst Gott in Dir? Als Liebe wächst Er in Dir heran. Je grösser, je tiefer und weiter diese wird, umso höhere Wahrnehmungssinne können sich entfalten.
So wollen wir also das Göttliche zu erkennen suchen, indem wir mehr und mehr in der Liebe wachsen. Liebe verleiht der Religion erst Leben. Andernfalls schwindet sie dahin. Kultur wird dann zur leeren Hülle und zum Hindernis für den Fortschritt.
Keine Zivilisation hat Bestand, wenn sie nicht in jenen Werten wurzelt, die Liebe wachrufen und erhalten können. Darum gilt es, ständig in der Liebe zu wachsen.Du hältst Aladins Wunderlampe in Händen, wenn Du nur Liebe hast. Du wirst dann in der Lage sein, ein Glück aus jedem Unglück zu machen. Du hast das allmächtige Sein bei Dir. Du wirst dann um das allwissende Wesen wissen und wirst anfangen, das Eine zu sehen, das aller Menschheit unsichtbar ist. Das Unsichtbare wird für Dich sichtbar, das Vergängliche wird unvergänglich. Das ist die Macht der Liebe. Du bist unsterblich, wenn Du gewaltige Liebe, dauerhafte Liebe, grosse, weite, kosmische, göttliche Liebe hast, die alles umwandelnde, allumfassende Liebe ist.
Je mehr Du in der Liebe wächst, umso selbstverständlicher entfaltet sich die Seele, das Lebensprinzip, und Du wirst sensitiv, aufgeschlossen jener unendlichen Liebe gegenüber, welche die Gottgegenwart ist.
Wachse in der Liebe, und Du wirst wissen, was Gott ist, denn Liebe und Gott sind nicht zwei verschiedene Dinge, sondern ein und dasselbe. In dem Masse wirst Du die Tiefen der Liebe erkennen, in dem Du Gott kennst. In dem Masse bist Du religiös, Du kannst sogar tief geistig sein, ohne irgend einer Religion anzugehören, ja ohne überhaupt eine Gottesvorstellung zu haben. Liebe führt zur Religion, zur wahren Religion, zur lebendigen Religion, zur erfahrenen Religion, und das ist mehr als nur äusserlich einer Religion anzugehören.
Wahrhaft religiös sein, heisst wahrhaft universal sein, heisst befreiend auf die Umwelt wirken. Liebe trägt alles Positive in sich, das man sich nur denken kann. Das Leben ist uns gegeben, um in der Liebe zu wachsen. Es gilt, in Gott fest verankert zu sein, um die wahre Bedeutung, den Wert, die Würde und auch die Freude des Daseins zu erkennen.
Es gibt vielerlei Art und Weise, um in der Liebe zu wachsen. Man kann auch mehrere von ihnen benützen, um die innere Aufwärtsentwicklung zu fördern und das Wachstum zu beschleunigen. Mit Liebe ist, wohlverstanden, nicht Sentimentalität oder Leidenschaft gemeint, sondern das, was hinter allem steht. Gefühl trägt ein Element der Liebe in sich, ist aber nicht Liebe an sich, sondern etwas, das transzendiert werden soll. Liebe zeichnet sich durch wahre Würde aus, durch seltene Kraft.
Im Geheimnis aller Geheimnisse, in der Liebe zu wachsen, führt uns in alle Geistigkeit ein, offenbart uns die Allgegenwart, die Allmacht und Allwissenheit Gottes. Wir werden dann bewusst in Gott leben, uns bewegen und sein (Apg. 17, 28). Das ist eine gesegnete Erfahrung, die einem Apostel Paulus zuteil wurde, und ein Paulus ist auch in Deinem Herzen. Nimm ihn Dir als leuchtendes Beispiel, und werde auch Du zum Licht der Welt. Die Welt braucht Lichter. Die ganze Schöpfung jubelt, wenn Lichter erstehen. Das ist die ihr zugewiesene Aufgabe. Wenn keine Lichter mehr aus ihr erstehen, hat sie keinen Sinn mehr und geht zugrunde. Nur ein grosses, liebevolles Herz erhält die Schöpfung, und wenn Gott die Schöpfung weiterbestehen lässt, dann durch das grosse, liebende Herz. Durch Christus erhält Gott die Schöpfung am Leben.
Das Göttliche ist unendlich in Seinen Fähigkeiten und Kräften, -und Sein Herz ist es, das zuinnerst in uns Seinen Sitz hat. Wir sind Teile Seines Seins. Wir sind nicht der physische Körper, in dem wir uns befinden, wir sind auch nicht der feinstoffliche Körper oder der menschliche Geist. Wir sind mehr als all das. Grundlegend und letztlich sind wir ein Teil des göttlichen Geistes der unendlichen Wahrheit, des Herzens des Göttlichen.
Das Leben wird unglaublich reich und sinnvoll, würdig, wertvoll, erhaben und erleuchtet, sobald wir es den Werten des Geistes entsprechend einrichten. Wenn wir uns für den Körper halten, ist der nächste Gedanke der an die Bedürfnisse des Körpers. Unser Denken dreht sich dann ums Materielle. Sobald man weiss, dass man Geist ist, wird man wachsam. Das ist auch der Grund, weshalb die Bibel uns ermahnt, auf den Geist und nicht aufs Fleisch zu säen. Wenn man sich als Geist erkennt, wird man geistigen Werten nachstreben. Liebe ist so ein geistiger Wert, Friede ist ein geistiger Wert, innere Freude ist ein geistiger Wert, höhere Erkenntnis ist ein geistiger Wert, Hochschätzung abstrakter Dinge ist ein geistiger Wert, Liebe zum Göttlichen ist ein geistiger Wert, das Streben nach der Gnade Gottes ist ein geistiger Wert, das Bemühen, die Erleuchtung der inneren Intelligenz zu vermehren ist ein geistiger Wert. Je mehr Du Dich als Geist erkennst, und geistigen Werten nachstrebst, umso machtvoller, anziehender, herrlicher wird Dein Leben.
Das innerste Wesen des Menschen ist ein Zentrum des göttlichen Bewusstseins. Darin wohnt das Göttliche, und dieses ist unendlicher Friede, unendliche Schönheit, unendliche Liebe, unendliches Licht, unendliche Erkenntnis, unendliche Vollkommenheit. Es ist eine Unendlichkeit der unendlichen Eigenschaften und als solche die allerwunderbarste Wirklichkeit, das Wunder aller Wunder.Das Sein, das Göttliche, die Erfahrung des Göttlichen eröffnet uns hier und jetzt neue Erfahrungsdimensionen, so wie ein Mensch, der einschläft und anfängt zu träumen, hier und jetzt im Traum in eine neue Erfahrungsdimension eintritt.
Ein Junge namens Joseph befindet sich unter uns. Er schläft ein und fängt an zu träumen, dass er in einer weiten Wüste unter der strahlenden Mittagssonne ist. Seine Füsse brennen, er springt umher, er schreit um Hilfe. Je mehr er versucht zu laufen, umso weiter wächst die Wüste, wie es ihm scheint. Überall ist heisser Sand, die glühende Sonne. Und das erlebt er hier in diesem Zimmer, mitten unter uns. Hier gibt es keine Wüste, aber er erlebt eine weite Wüste und es ist nicht Tag, es ist Nacht. Er jedoch erlebt jetzt Tag, den Sommernachmittag.
Auch eine Christa schläft und fängt an zu träumen, sie befinde sich in einem Wald voll schrecklicher, riesengrosser Geschöpfe, die furchtbar brüllen. An dem Ort, wo sie schläft, ist ja kein Wald, sind keine schrecklichen Wesen und kein furchtbares Brüllen. Aber sie erlebt es hier und jetzt. Wie ist das möglich? Ein Mensch, der nie geträumt hat, findet das kaum glaubhaft, doch für den Träumer ist das eine wirkliche Erfahrung. Ein Mensch, der im Traum diese weite Wüste, den heissen Sand unter den Füssen, die ganzen Horizonte von Sand bedeckt erlebt, erlebt sie als wirklich. Und wenn man ihm sagt: "Du bist ja gar nicht in einer Wüste, Du bist hier in einem Zimmer, diese Wüste ist eine Illusion, glaub es mir doch!" dann glaubt er es nicht und denkt, man scherze nur. Er erlebt eine wirkliche Erfahrung, auch wenn es nur ein Traum ist. Der Traum ist eine wirkliche Erfahrung, solange man ihn träumt.
Hier und jetzt geht der Träumer in eine neue Erfahrungsdimension ein. Ein kleiner Raum kann unbegrenzte Erfahrungswelten in sich tragen, wobei sich diese gegenseitig durchdringen, ohne dass die eine um die andere weiss.
So ist es auch mit dem Wahrheitserfahrenden. Er tritt in eine neue Welt ein, in eine weite Welt des Göttlichen, erfüllt vom Licht der Gottgegenwart, aufgeladen von der Freude und der Ekstase der Unendlichkeit, voller Erkenntnis - voll einer Unendlichkeit an Erkenntnis, einer wundersamen Welt, wo es keine Zeit mehr gibt. Da hört die Zeit auf zu sein, so intensiv ist die Freude. Tausend Jahre vergehen wie ein Sekundenbruchteil, und immer noch ist das Jetzt, das ewige Jetzt. Universen mögen kommen und gehen - im Verlaufe zahlloser Jahrmillionen mögen Millionen Universen entstehen und vergehen - all diese weiten, unermesslichen Zeitspannen sind noch keine Sekunde der physikalischen Zeit, sondern das ewige Jetzt.
Lasse das Göttliche Dein ganzes Dasein beherrschen: Das ist der rechte Weg, das ist die Bedeutung und der Sinn des Lebens. Ehe es zu spät ist, solltest Du die kostbaren Stunden Deines Lebens nutzen. Versuche Halt am Göttlichen zu gewinnen, indem Du Hingabe entfaltest und dem Göttlichen dienst und opferst, durch geistige Übung, durch Anrufung Gottes, durch ständiges Nachdenken über die unmittelbare Gegenwart und das Wesen des Göttlichen. Mit all diesen und noch weiteren Mitteln solltest Du versuchen, Fortschritt zu machen und festen Halt am Göttlichen zu gewinnen. So nur findet Dein Leben Erfüllung. Versuche, alles mit dem Göttlichen in Verbindung zu bringen. Alles, das ganze Leben, jede Arbeit soll göttlich sein. In allen Lagen des Lebens sollte Dich das Empfinden des Göttlichen begleiten.Halte Dich mit der ewigen Weisheit verbunden! Halte Dich mit der unendlichen Stärke innig verbunden! Sei mit der grenzenlosen Freude und dem grenzenlosen Frieden Gottes in Verbindung! Das ist die Hauptaufgabe unseres Lebens. Lasse Dein Leben in Gott gesegnet sein, so dass es überfliesst von einem Segen, der sich von nichts Äusserem herleiten lässt.
Ein
Bild Gottes ist nötig, um zum
bildlosen Gottbewusstsein zu gelangen
Als menschliches Wesen willst Du geliebt sein. Erwähle Gott zum Liebhaber. Als endliches Wesen brauchst Du Kraft. Lasse Gott, das unendliche Wesen, Deine Kraft und Stärke sein. Als unwissendes Wesen brauchst Du Erkenntnis. Lasse Gott die Quelle Deiner Erkenntnis sein. Als eine begrenzte Kraft brauchst Du Schutz. Lasse die Allmacht Dir Freund und Leibwächter sein. Als geselliges Wesen möchtest Du einen Freund haben. Lasse Gott Deinen Freund sein. Zuweilen fühle Dich auch als Kind und lasse Ihn Deinen Vater sein, diesen Gewaltigen, von dem Du abhängig bist; und wenn Du nach mütterlicher Liebe verlangst, lasse Gott auch Deine Mutter sein. Denn was ist Gott? -Vater, Mutter, Bruder, Freund, Liebhaber, Geliebter, Schönheit, Friede, unendliche Kraft, Allmacht, Allgegenwart, Güte, Milde, Selbstbeherrschung, Ruhe, Geduld, unendliche Freude, unendliches Bewusstsein. Das ist Gott. Du kannst diesen Gott nicht verleugnen. Er ist ja in Deinen Eigenschaften zugegen. Er ist in Deiner Intelligenz zugegen. Das sind Tatsachen. Du kannst nicht leugnen, dass es Stärke, dass es Güte und Sanftmut gibt. Sie können erfahren und geübt werden. Sie lassen sich nachweisen und beschreiben. Zwar sehen unsere Augen sie nicht: Das Phänomen der Liebe, der Güte, der Sanftmut, der Intelligenz in uns ist äusserlich nicht sichtbar, doch bringt sich Gott selbst in ihnen zum Ausdruck. Man kann sie nicht leugnen, und also auch nicht Gott. So knüpfe mit diesem Gott alle Arten von Beziehungen an. Sieh Ihn in Deinen Angehörigen und Freunden, sieh Ihn im Haus und ausserhalb des Hauses. Sieh Ihn im Himmel und ausserhalb des Himmels. Sieh Ihn überall an allen Orten und in allen Gegebenheiten als zeitloses, raumloses ewiges Jetzt, als allvollkommenes Sein und Wesen. Knüpfe mit Ihm in der Meditation alle Arten von Beziehungen an.Wie sollen wir im täglichen Leben diese Wirklichkeit der Wirklichkeiten zur lebendigen Erfahrung werden lassen, während wir jeden Augenblick unseres Lebens inmitten von Begrenzungen stehen? Wie sollen wir dieses Unendliche, diese höchste Intelligenz erfahren, die wir doch nicht sehen? Es gilt, diese unpersönliche Wirklichkeit persönlich werden zu lassen. Es gilt, diese grenzenlose unendliche Wirklichkeit als Gestalt der Liebe zu erfassen, ganz aus Liebe geformt, eine Persönlichkeit des Lichts und der Schönheit. Jene, die an das Göttliche als an Christus denken, oder jene, die sich dabei Maria vorstellen können, haben es leicht. Sie brauchen sich bloss von ganzem Herzen aufmerksam auf die Gestalt zu konzentrieren. Sie können dabei auch ein Bild zu Hilfe nehmen und sich klarmachen, dass die dargestellte Gestalt allgegenwärtig, allwissend und allmächtig ist. Diese Gestalt ist für sie gewissermassen die Glühbirne, die das Licht der göttlichen Gegenwart einfängt und ihnen die unsichtbare, unpersönliche Wirklichkeit erkennbar macht.
Jesus Christus spricht vom Einssein zwischen ihm und dem Vater (Joh. 10,30). Was veranlasste Ihn zu dieser Aussage? Es gibt einen Zustand innerer Erleuchtung, in dem wir unsere Einheit mit dem Göttlichen entdecken, so wie Christus es getan hat. Von diesem Standpunkt aus werden alle äusseren Unterschiede unwesentlich und fallen dahin. Die Einheit in allem wird sichtbar. Dann gibt es auch keine grundlegenden Unterschiede zwischen verschiedenen Wegen der Gotterkenntnis mehr.
Wäre der Mensch nur ein biologischer Organismus, dann hätten die Biologen schon längst das Phänomen des Lebens geklärt und all seine Probleme gelöst. Wäre der Mensch nur ein psychologisches Phänomen, dann hätten die Psychologen die ganze Bedeutung des Lebens erfasst, und die Probleme wären gelöst. Keine unserer Wissenschaften vom Menschen ist jedoch in der Lage, uns das wirkliche und wahre Wesen des Menschen genau zu erklären. Der Mensch ist ein verwirrendes Phänomen. Er weist in seinem Bewusstsein Dimensionen auf, die das unermesslich weite äussere Universum transzendieren. Er ist ein Geschöpf ganz besonderer Art, das alle Vollkommenheiten des Schöpfers in sich verkörpert, das grösser ist als das ganze Universum, das er wahrnimmt. Er trägt in sich ein Bewusstsein, das unendlichen Schöpfertums fähig ist, und darüberhinaus die Fähigkeit, sich der unendlichen Vollkommenheiten Gottes bewusst zu werden.Die unglaublich grossen wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften unserer Zeit haben uns ein gewaltiges Anwachsen des Wissens über die uns umgebende Welt gebracht und uns damit Macht über die Naturkräfte in die Hand gegeben. Das Bild des physikalischen Universums, das uns von einer ganzen Reihe wahrhaft grosser Wissenschaftler von Kopernikus bis Einstein eröffnet wurde, ist wirklich staunenswert und begeisternd, aber die Welt in unserem Innersten ist noch viel grossartiger und staunenerregender, das geistige Universum noch viel begeisternder demgegenüber.
John Davidson, der das im Menschen zur Bewusstheit erwachende Universum verkündete, hielt dafür, dass auch der schlichteste Mensch sich als zu gross betrachten sollte, um nach irgend einem Namen benannt zu werden.
Thomas Carlyle lehrte, dass es Höhen im Menschen gibt, die zum Himmel emporreichen, und bestand darauf, dass der Mensch in seinen geistigen Erstreckungen sich ins Unendliche fortsetzt und dort allein seine Ruhe findet.
Die Vorstellungen, die sich der heutige, westlich geprägte Mensch von sich selbst macht, sind ganz anders geartet. Weit entfernt davon, einem Menschenbild nachzustreben, das Christus als Verkörperung der Weisheit und Erkenntnis uns nahelegt, hängt der westliche Mensch fort und fort Ideen an, die auf Vorstellungen zurückgehen, wie sie vom animal rationale' des Aristoteles oder vom 'feilschenden Tier' eines Adam Smith oder auch vom Herdentier eines Herbert Spencer oder aus der Sicht des Menschen als ökonomischer Einheit angeregt wurden. Der Mensch, wie er der inneren Erfahrung offenbar wird, ist eine bewusst gewordene Kraft des unendlichen Seins, eine dynamische Manifestation der absoluten Wirklichkeit.
Das ist die Stimme unserer inneren geistigen Erfah