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Die Mystiker Indiens haben die letzten Höhen der Evolution erreicht und im täglichen Leben die vollständige göttliche Erfahrung gemacht, ohne zu denken wie Newton und Einstein, ohne zu schreiben wie Racine und Goethe, ohne zu sprechen wie Cicero, ohne zu analysieren wie Aristoteles, ohne zu malen wie Raffael und ohne zu komponieren wie Johann Sebastian Bach. Sie bilden eine Klasse für sich. Heute aber scheint Indien seinen heiligen Söhnen neue Dimensionen zu erschliessen. Lassen wir Swami Vivekananda, Swami Ramathirtha und Swami Sivananda beiseite und betrachten wir Sri Aurobindo oder Swami Omkarananda, dessen Worte, aus seinem reichen Gottbewußtsein gesprochen, den Inhalt dieses Buches bilden. Sie sind in reichem Maße intellektuell durchsetzt. Diese Ausrüstung hat sich aber als großer Wertfaktor erwiesen, als Mittel zur Weitergabe ihrer inneren intuitiven Wahrnehmung und Erfahrungen. Auf der Ebene des verworrenen und komplexen menschlichen Bewußtseins scheint die Evolution anderen Gesetzen zu gehorchen, als denen welche der modernen Biologie und Wissenschaft bekannt sind.Schon im Alter von 14 Jahren machte Swami Omkarananda verschiedene erste mystische Erfahrungen. Zwei Jahre später verließ er - unter dem Eindruck dieser Erfahrungen - in totaler Abkehr von allem Weltlichen sein Elternhaus im Süden Indiens. Er zog gegen Norden und suchte im Himalayagebiet die Umgebung, die er brauchte. So konnte er ausschließlich und absolut seinen Studien obliegen, konnte seine Praktiken und Experimente durchführen und seine Erfahrungen in Tantra, Yoga, Vedanta und anderen Formen der alt-indischen, mystisch-okkulten Mittel und Wege zu hoher göttlicher Vollkommenheit erreichen.
Ein halbes Jahr später weihte ihn ein weltberühmter Meister und Weiser in den Heiligen Orden Sri Sankara's ein, denn er sah in dem Jüngling aussergewöhnliche Reinheit des Herzens und Weisheit. (Sankara ist der bedeutendste indische Philosoph, Mystiker und religiöser Reformer des vierten Jahrhunderts.) - Der Junge Mann erhielt das Mönchsgewand und den neuen Namen Sri Swami Omkarananda - Saraswati. Danach blieb er volle 20 Jahre in jenem Kloster der Himalayaregion, das der Sitz einer internationalen Organisation zur Ausbreitung von Wissen im Zusammenhang mit einem göttlichen Leben ist.
Diese 20 Jahre waren unermüdlichen, streng überwachten Erforschungen im Bereich des göttlichen Bewußtseins gewidmet. Sie führten den jungen Mönch durch göttliche Gnade von einer Erleuchtung zur anderen. Sie brachten Swamis unermüdliche, selbstlose Dienste für jene Organisation durch die Herausgabe von einigen Dutzend Büchern in englischer Sprache, welche Kraft ihrer Qualität und Quantität für jeden anderen Menschen eine Lebensarbeit bedeutet hätten. Diese Jahre ermöglichten Swami Omkarananda auch intensive Studien in allen modernen Wissensgebieten, einschließlich Psychologie, Erziehung, Psychoanalyse, Parapsychologie, Soziologie und Politik. Er arbeitete an diesen Studien im Bemühen, das Beste in diesen mit den zentralen geistigen Zwecken und Zielen des Menschen in eine Einheit zu bringen. - Im Jahre 1954 wurde Swami Omkarananda von der Yoga-Vedanta Wald-Universität (jetzt Akademie) der Grad eines Meisters der Philosophie verliehen. Ein Jahr später wurde er als Mitglied des « International American Institute» gewählt: das Resultat tiefer Bewunderung für seine Mitwirkung und seinen bemerkenswerten Beitrag durch seine Schriften und seinen Überblick über die grundlegenden Prinzipien des Erziehungsprozesses über die ganze Welt hin und durch die Jahrhunderte hindurch bis in unsere Zeit.
Nach Lesen eines von Swami Omkaranandas Büchern sagt Prof. Dr. Gebhard Frei: «Heute bilden die vom Materialismus, Mechanismus, Positivismus und von einer engstirnigen Evolutionstheorie vorgebrachten Argumente ein brennendes Problem. Ich verbrachte kürzlich eine Woche am Kongreß und im internationalen Institut für Philosophie und beobachtete, wie diese Tendenzen nicht nur die Philosophie des Kommunismus beherrschen, sondern auch die Gedankengänge vieler westlicher Denker. Für sie schafft die Philosophie dieses indischen Weisen - deren Grundlagen und Anwendung, wie sie Swami Omkarananda zeigt - ein machtvolles Gegengewicht. - In meiner Eigenschaft als Präsident der Schweiz. Philosophischen Gesellschaft, einer Korporation, welcher Vertreter der philosophischen Fakultäten der Universitäten von Genf, Lausanne, Neuenburg, Bern, Basel, Zürich und Freiburg als Mitglieder angehören, und in meiner Eigenschaft als Präsident der Internationalen Parapsychologischen Gesellschaft sowie als Mitglied anderer wissenschaftlichen Vereinigungen halte ich mich für kompetent, eine Meinung auszusprechen. Erst als ich den ersten Band des großen zusammenfassenden Werkes in drei Bänden von Swami Omkarananda gelesen hatte, gingen mir die Augen auf für die wahre Größe und Bedeutung dieses indischen Gelehrten, Wissenschafters, Weisen und Lehrers. Die Vergleiche Omkaranandas zwischen Sivananda und Plato, Kant, Leibnitz, Schleiermacher und anderen Philosophen sind sehr wesentlich für ein besseres Verständnis zwischen dem Osten und dem Westen. » Nach einem tiefen Studium von Swami Omkaranandas ersten drei Werken schreibt ein intellektueller Führer in Santiago, Südamerika, Dr. Edward de Bittencourt: « Omkarananda verfügt über die intellektuelle Kraft, die literarische Gewandtheit, die geistige Brillanz und den kulturellen Hintergrund, welche nötig sind, um den meisten modernen Herausforderungen gerecht zu werden. » Von Indiana, USA, haben wir folgendes Zeugnis über Swami Omkarananda von Dr. Florence La Fontaine, Ph. D.: « Der junge Weise Indiens hat ein Wesen, gekennzeichnet durch transzendentale Zartheit und Empfindsamkeit, durch eine Weisheit, welche seine Jahre übersteigt. Er ist zu sehr geschult für sein Alter und überrascht die westliche Elite ebensosehr durch seine Kultur höchster Ordnung, wie durch sein Genie im klassischen literarischen Ausdruck in allen dessen vielseitigen Formen. Die Vorsehung hat ihn, wie mir scheint, mit jeder Vortrefflichkeit beschenkt. Er bringt eine wertvolle, kostbare Botschaft für unsere Zivilisation. »
Was uns an Swami Omkarananda am meisten interessiert, sind weder seine wertvolle Botschaft an unsere Zivilisation, noch irgend eine der Facetten seiner Größe, die ebensosehr in seinem täglichen Leben, als auch durch die Urteile der führenden Intelligenzen dieser Welt zum Ausdruck gelangen. Ich habe keinen speziellen inneren Anteil an dem lauten Beifall, der Omkaranandas Genialität gezollt wurde. Ebenso berührt mich seine erstaunliche Fähigkeit, auf jedes Problem, jedes Gebiet Licht zu werfen und Menschen auf allen Lebensstufen und in allen Verhältnissen Führung zu geben, nicht im Innersten. Meine tiefste Bewunderung gilt den Fällen, in welchen Swami Omkaranandas selbstlose göttliche Gebete für Kranke, Leidende, Trauernde, Verlassene und Unglückliche Trost und Hilfe brachten und noch bringen. Mein Interesse gilt der Art, wie er in den Herzen der Menschen den Glauben an die allgegenwärtige, allmächtige und allwissende Gottheit entzündet, der Art, wie er in den meisten von uns das grosse Vertrauen in die angeborene Würde und Göttlichkeit des menschlichen Lebens weckt. Es gilt der Art und Weise, wie es nur ihm, der in der göttlichen Gnade lebt, möglich ist, durch Akte der Einweihung den geistig Suchenden unter uns die unfehlbaren geistigen Techniken der Gotterfahrung zu übermitteln für jede Phase und Form unseres täglichen Lebens in einer so geschäftigen Stadt wie Zürich.
Es ist meine Überzeugung, daß diese nur wenigen, Tag um Tag geäusserten Worte Swami Omkaranandas, welche Dr. Jürg Wunderli nun hier veröffentlicht, uns tiefe Inspiration, eine neue Vision des Lebens, eine neue Hoffnung, neue Kraft und ein neues Licht schenken werden.
Frau H. Wagner-Glanzmann
Swami Omkarananda ist ein einfacher, gotterfüllter Mönch aus dem Himalayagebiet.
Als Kind schon ausgezeichnet durch eine ungewöhnlich brennende Sehnsucht nach dem Wirklichen und durch eine außerordentliche Gabe der Intuition, verließ er schon mit 16 Jahren sein Elternhaus und suchte für höhere geistige Verwirklichung die Himalayaumgebung auf. Ein halbes Jahr später erhielt er die Mönchsweihe durch einen sehr großen Meister der Gottverwirklichung und blieb nachher während 20 Jahren in dessen Ashram (Kloster) als rastlos schaffender, demütiger Diener seines Meisters, absorbiert durch höhere geistige und mystische Praktiken und unermüdlich arbeitend für das geistige Wohlergehen der Menschheit.
Durch eine gütige Fügung kam Swami Omkarananda im Frühjahr 1965 in die Schweiz und blieb einige Monate bei uns. Anfangs mochte man der angekündigten Ankunft des Swami einige Skepsis entgegenbringen. War das nicht ein Mensch, welcher noch nie seinen Heimatboden verlassen und sich seit 20 Jahren in meist strenger Abgeschiedenheit in seinem Kloster aufgehalten hat? Ob er wohl fähig wäre, zu uns Europäern über unsere europäischen Probleme zu sprechen? Ob er wohl fähig wäre, beispielsweise über Geld- und Eheprobleme zu reden, wo er doch nie in seinem Leben mit Derartigem konkret in Berührung kam? Und wie würde er als Inder mit unseren westlichen geistigen Problemen und den Anliegen des Christentums fertig werden?
Selber erwog ich in meinem Herzen solche Gedanken und befürchtete ein wenig, es werde ein lebensfremder und abgeschlossener Asket kommen, der uns höchstens interessante Dinge über indische Philosophie erzählen könnte. Wer als Wanderer und Sucher den geistigen Pfad betritt, ist vor Enttäuschungen nicht gefeit, und so soll es auch sein. Der Pfad ist sehr schmal und der falschen Propheten sind gar viele. - Was für merkwürdige Leute befinden sich unter denen, welche sich als Lehrer auf dem geistigen Pfad bezeichnen! Wie viele bleiben auf der vorletzten oder einer noch tieferen Stufe stehen, und wie viele finden wohl wunderschöne Worte und können damit vielleicht Menschen begeistern, leben aber selber nicht entsprechend ihren Worten!
Wie vielen geistigen Lehrern sind wir begegnet, welche außerordentlich gelehrt diskutieren können, aber keine echte Gotterfahrung besitzen; wie viele Bücher haben wir gelesen, die nur trockene Buchweisheit verkünden und nicht von Herz zu Herzen zünden! Dabei kommt mir eine Geschichte von Ramakrischna in den Sinn. Einige Männer gingen in einen Mangogarten. Sie beschäftigten sich damit, die Äste, Zweige und Blätter der Mangobäume zu zählen, ihre Farbe, Größe und Form zu registrieren, miteinander zu vergleichen und hernach fein säuberlich alles aufzuschreiben. Nach getaner Arbeit ereiferten sie sich in einer gelehrten Diskussion über ihre Forschungsresultate. Einer unter diesen Männern aber war klüger als alle andern. Er kümmerte sich nicht um die Diskussionen und begann stattdessen eine saftige Mangofrucht zu verspeisen. Swami Vivekananda, der berühmteste Schüler von Ramakrischna, meint dazu: « Und hat er nicht gut daran getan? Überlassen wir also das Blätter- und Ästezählen den anderen. Diese Art von Arbeit hat ihren Platz, doch nicht im Gebiet des Geistes. Nie wird man unter diesen <Blätterzählern> einen wahrhaft religiösen Menschen finden. »1)
Andere wiederum meinen, nach den ersten kleinen Erkenntnissen, die sie gesammelt und nach den ersten kleinen Schritten, die sie selber getan, seien sie ausgerüstet als geistige Lehrer. Stimmt dann das, was sie sagen, keineswegs überein mit dem, wie sie sind und wie sie leben, so geben sie zur Antwort: «Es ist nicht notwendig, daß der Wegweiser den Weg selber geht; es genügt, daß er ihn weist.» Das ist keineswegs richtig. Das Wesentliche am wegweisenden Menschen ist nicht so sehr das, was er sagt, sondern das, was er selber ist. Darum sind Reinheit des Herzens, selbstlose Liebe und lebendige Gotterfahrung unbedingte Voraussetzungen für jeden, der auf dem geistigen Gebiet lehren will.
Solcherlei Gedanken beschäftigen mich also bei der Ankunft von Swami Omkarananda. Aber dieser indische Mönch erwies sich als ein Mensch, der alle meine Dimensionen überschritt und alle Zweifel und Fragezeichen wie ein Sturmwind hinwegfegte. Als erstes mußten wir staunen über die grenzenlose Demut und Bedürfnislosigkeit dieses Menschen. In der Haltung der vollendeten Demut trat er uns entgegen und bat uns, seine Dienste entgegenzunehmen. In einem Brief schrieb er: «Ich bin Ihr kleiner Diener. Bitte braucht meine bescheidenen Dienste völlig und zu irgend einer Euch passenden Zeit!» Swami Omkarananda hat dieses Versprechen wortwörtlich erfüllt. Seine Audienzen und Beratungen dauerten von morgens früh bis abends spät und gar nicht selten bis nach Mitternacht, Tag für Tag. Keine Bitte schlug er ab, jederzeit war er da und stellte sich bedingungslos zur Verfügung. Wissen wir, was das heißt: sich bedingungslos zur Verfügung stellen?
Bei Swami Omkarananda wird es uns in kristallklarer Deutlichkeit bewußt, was wahre und echte Demut ist. Nicht gemeint ist damit jegliche Art von Unterwürfigkeit, jegliche Demütigung vor den Menschen als Mensch. Der wahrhaft demütige Mensch ist nämlich nicht demütig vor dem Menschen als Person, sondern er beugt sich vor Gott, den er in jedem Antlitz erblickt. Der Grund der Demut liegt absolut nicht im Menschlich-Persönlichen, sondern nur im Göttlichen. Der demütige Mensch hat gelernt, seine eigene Person hinten anzustellen und sich ganz dem Göttlichen hinzugeben. Er hat aber auch gelernt, dieses Göttliche in allen Menschen, ja überhaupt in jeglichem Ding zu sehen.
Die Demut ist also nur eine Folge dessen, daß ein Mensch gelernt hat, Gott überall zu sehen und überall zu lieben. Nur von dieser allumfassenden, ja beinahe ekstatischen Gottesliebe aus, wird das wahre Wesen der Demut begreifbar.
Damit hängt zusammen, daß uns Swami Omkarananda in seinen Briefen, Gesprächen oder Vorträgen stets als «gnadenvolle Engel» oder als «höchst verehrungswürdige Söhne und Töchter Gottes » bezeichnet. Manchen mag das im ersten Augenblick etwas irritiert haben, und es gab sogar Menschen, welche diese Verehrung auf ihre Person bezogen. Das ist aber absolut falsch. Omkarananda schreibt einmal: «Auch für mich sehen alle Menschen wie normale Personen aus. Aber als die Wahrheit meines ganzen inneren Seins ist jeder Mensch völlig göttlich, erfüllt von der selbstleuchtenden, selbstgenügenden Vollkommenheit der allgegenwärtigen, allmächtigen, allwissenden Gottheit.»
Omkarananda sieht also nicht unsere Person, sondern hinter die Person und hinter das persönliche Ich. Dort aber sieht er die vollkommene Gottheit, dort sieht er das lebendige Reich Gottes, das inwendig in uns ist2), dort sieht er eine uferlose Schönheit und vollendete Reinheit, die unbeschreibbar ist.
Wir haben von der allumfassenden Gottesliebe gesprochen, als den wahren Grund echter Demut. Diese Liebe sucht in jedem Ding, in jeder Erscheinung und in jeder Begebenheit einzig und allein Gott. Diese Liebe verehrt in allem Geschaffenen, im bescheidensten Pflänzlein so gut wie im größten Genius, im unscheinbaren Kieselstein so gut wie im ganzen Universum, den einen allmächtigen Schöpfer. Diese Liebe brennt vor Sehnsucht nach dem allgegenwärtigen und allmächtigen Vater, welcher sich in allem Sein, Werden und Vergehen offenbart. Von dieser Liebe haben alle Heiligen und Erleuchteten gesprochen. Ist es nötig, einige dieser Aussprüche hier erklingen zu lassen ? Ich tue es dennoch, weil es nicht viel gibt, das uns inniger zur rechten Betrachtung und Einkehr helfen kann als das inspirierte Wort eines Heiligen oder Weisen:
Meister Eckhart schreibt einmal: «Von der Liebe her empfängt jedes tüchtige Werk die Kraft, den Menschen zu Gott zu bringen. Denn die Liebe, sagt Dionysius, ist solcher Natur, daß sie den Menschen wandelt in das, was er liebt. Darum soll der Mensch also sein, daß all sein Leben Liebe sei. »
Sri Aurobindo, ein kürzlich verstorbener indischer Meister, spricht jene erstaunlichen Worte: «Für die, die Gott lieben, ist das Gespött der Welt wilder Honig und die Steine, die der Pöbel wirft, wie Sommerregen auf einen heißen Körper. Denn bist nicht Du es, der da spottet und steinigt, und bist nicht Du in dem Stein, der uns trifft und verletzt?» Oder jene andern Worte: «Leben ! Leben ! Leben ! höre ich die Leidenschaften rufen. Gott ! Gott! Gott! ist die Antwort der Seele. Solange du das Leben nicht als Gott siehst und liebst, solange ist das Leben selbst eine versiegelte Freude. Er liebt sie, sagen die Sinne. Doch die Seele sagt: Gott! Gott! Gott! Dies ist die Formel des Daseins, die alles in sich schließt.»3)
Swami Omkarananda ist ein Mönch und Mystiker. Zu beidem gehört dem Wesen nach die Askese. Und ein Asket ist Omkarananda allerdings! Freilich, davon verspürt man zunächst wenig. Wer etwa glaubte, einem lebensfremden, selbstquälerischen oder gar fanatischen Asketen gegenüberzutreten, wurde bald eines Besseren belehrt. Omkarananda strahlt nichts als Ruhe, Frieden und Liebe aus. Seine Augen blicken voller Güte, den Mund umspielt ein sanftes Lächeln und sein Gemüt ist voll grenzenloser Offenheit und Weite. Kein Problem, und möge es noch so menschlich allzumenschlich sein, ist ihm zu gering, um darauf mit aller Sorgfalt und Liebe einzugehen. Den Liebeskummer eines jungen Mädchens behandelt er mit genauso großer Geduld, Aufgeschlossenheit und Hingabe wie etwa Fragen, welche die Meditation betreffen.
Diese Nachsicht und Geduld, diese liebevolle Hingabe und das unglaubliche Verständnis für alles und jedes, ist bei Omkarananda vereinigt mit einer beispielslosen Härte gegen sich selber. In ihm begegnet uns ein Mensch, welcher bis an die einsamen letzten Grenzen der Selbstzucht und der Selbstverleugnung gegangen ist. Man hat den Eindruck, daß er seinen körperlichen Wünschen und Regungen überhaupt keine Beachtung schenkt. Ebenso wenig Bedeutung mißt er seinen Gefühlsäußerungen bei. Alles ist bei ihm auf das Eine ausgerichtet und daneben wird alles andere vollkommen bedeutungslos. Hier ist ein Mensch, welcher uns die Worte Aurobindos mit einer geradezu unfaßbaren Radikalität vorlebt: «Eine bloße Idee, ein nur intellektuelles Suchen nach etwas Höherem, wie intensiv das Interesse des Geistes es auch ergreifen mag, richtet nichts aus. Das Herz muß sich darauf werfen als auf das Eine, das zu begehren ist, und der Wille als auf das eine, das getan werden muß. Denn Wahrheit des Geistes ist nicht nur zu denken, sondern zu leben, und sie zu leben verlangt eine einige, einzig auf eines gerichtete Zielstrebigkeit des Menschen. »4)
Die echte Askese bezweckt nichts anderes, als daß die Seele leer werde von allem Rost und Schmutz, leer von allem ichbezogenen Denken und Fühlen, so leer, daß Gott mit seiner ganzen Herrlichkeit in die Seele einziehen kann. Die falsche Askese dagegen betreibt Kasteiung und Selbstabtötung gewissermaßen als Selbstzweck, indem das Mittel zum Ziel selber wird. Wohl gehören beispielsweise Fasten und nächtliches Wachen zu einem mystischen Leben, und die unglaubliche physische Bedürfnislosigkeit von Omkarananda versetzte uns immer wieder in Erstaunen; rein menschlich gesehen scheint es unmöglich, daß ein Mensch während Monaten nur 2-3 Stunden des Nachts schläft und sich von einem kaum vorstellbaren Minimum ernährt. Aber so sicher Omkarananda diese Bedürfnislosigkeit lebt, so sicher sind diese Dinge nicht das Wesentliche. Denn die Askese ist letzten Endes immer ein geistigmentaler Akt, eine Ausrichtung des ganzen Menschen auf die eine Grundrichtung und ein mutiges, konsequentes Verlassen all dessen, was nicht dazu gehört oder hinderlich ist.
Omkarananda hat uns dazu folgendes Gleichnis erzählt: Was tut ein Mann, dessen Haus in Flammen steht ? Sucht er etwa nach den Pantoffeln seiner Frau oder dem Lippenstift seiner Tochter ? Nein, er rafft in höchster Eile alles zusammen, was am notwendigsten und wertvollsten ist, und schafft es aus dem brennenden Hause. Gleichermaßen sollen wir in höchster Eile uns auf das ausrichten, was einzig notwendig und wertvoll ist im Leben, nämlich das Göttliche.
So beispielslos hart, konsequent und zielgerichtet also Omkarananda gegenüber sich selber ist, so verständnisvoll und liebevoll erweist er sich gegenüber seinen Mitmenschen, gegenüber den Ratsuchenden, Verzweifelten und Fragenden. Dieses Verständnis für unsere jeweilige Situation und für unsere Schwächen schließt aber nicht aus, daß er mit nimmermüder Konsequenz immer wieder zur Nachfolge aufgerufen hat:
«Das Leben ist ein großartiger Weckruf für uns alle, ein Weckruf, das Gottesbewußtsein zu erfahren; denn unsere Sicherheit, unser Schutz und unsere Kraft kann nirgends gefunden werden als im Gottesbewußtsein. Wir können Tag um Tag den Sinnenvergnügen nachgehen, aber nichts wird uns befriedigen; denn unsere Befriedigung kann nur vom Gottbewußtsein herkommen, welches unbegrenzt ist. Wir können uns Mühe geben, den Körper in Ordnung zu halten. Wir können danach bestrebt sein, in einem luxuriösen Palast zu wohnen, aber die Furcht des nahenden Todes wird uns trotzdem erschrecken, bis wir eben im Gottbewußtsein leben. Und in diesem Gottbewußtsein ist die ewige Liebe und die Überwindung der Furcht vor dem Tode.
Es ist eine Schande, wenn wir unser Leben zubringen mit kleiner und schwacher Liebe, mit Neid und Antipathien. Es ist eine Schande, wenn wir gegenüber den Möglichkeiten in uns das Leben mit kleinen Leiden und kleinen Vergnügen leben. Es ist ein Unrecht, wenn wir unsere Zeit vergeuden im Kampf um die Ansprüche unserer kleinen egoistischen Persönlichkeit. Deshalb laßt uns als menschliche Wesen, als Kinder Gottes, als Erbe der unendlichen Mächte und Wunder, hungern und dürsten nach der vollen Entwicklung des göttlichen Bewußtseins. Laßt uns das Gottbewußtsein erfahren, bevor uns die Tage, Monate und Jahre unter den Händen entschwinden. Laßt euch durch nichts stören oder ablenken. Weitet euch aus in der Liebe zu Gott. Vermehrt eure Güte, macht eure Tugend noch tugendhafter und eure Reinheit noch reiner. Sehnt euch tief nach den Schätzen des Himmels. Dann werdet ihr erleben, daß sich das Buch des Wissens in euren Herzen auftut. »
Dieser Aufruf zur Gottverwirklichung, oder, was dasselbe ist, zur Erfahrung des Gottbewußtseins, ist nichts anderes als der Aufruf zur Nachfolge Christi. « Wenn jemand mit mir gehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es retten.»5) Und: «Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich,ist meiner nicht wert, und wer Sohn und Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.»6)
Hier schließt sich der Kreis: Nur durch die Selbstverleugnung, nur durch das Leerwerden der Seele vom persönlichen Ich, kann sich das göttliche Bewußtsein in die Seele herabsenken. Wer aber sein Leben der Sinnenfreude, des Neides und Hasses, der Abneigung und Eifersucht, des Machtstrebens und Egoismus hinweggeworfen hat, wird ganz bestimmt das wahre Leben in der göttlichen Liebe und im unendlichen Frieden finden.
Freilich gehört zur Gottverwirklichung, daß die Ansprüche des Körpers zurückgestellt werden. Der einzig richtige Weg dazu ist die Sublimation. Das gilt ganz besonders von der Sexualität, von welcher im 6. Kapitel ausführlicher die Rede ist. Es ist das große Verdienst der modernen Tiefenpsychologie, dass Licht in das unbewußte Seelenleben gebracht wurde. Von großer Bedeutung ist vor allem die Erkenntnis, daß die Verdrängung keine Lösung darstellt, weil sie die Grundlage für die Entwicklung der Neurosen schafft. Der ins Unbewußte verdrängte Trieb schafft sich auf Umwegen einen Auslauf und bricht in Form von neurotischen Symptomen durch. Schon Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, erkannte dagegen die wichtige Rolle der Sublimation. Unter Sublimation versteht man in der tiefenpsychologischen Sprache die Fähigkeit, die Triebenergie für andere, höhere Zwecke und Ziele so einzusetzen, daß der ursprüngliche (sexuelle) Trieb seine Befriedigung in einer Äußerung findet, die nicht mehr sexuell ist, sondern sozial und moralisch höher bewertet wird.7)
Aber der Begriff « Sublimierung » ist hier zu eng gefaßt. Er krankt, wie Swami Omkarananda sagt, am Fehler der gesamten Tiefenpsychologie, welche glaubt das gesamte Seelenleben auf das Bewußte und Unbewußte einschränken zu können. Denn es gibt auch einen überbewuessten Zustand im Menschen, eine Fähigkeit, sich nach oben zu öffnen, eine Fähigkeit zur Intuition und Inspiration. Dieses große Licht im Menschen kann sogar zu Offenbarungen und mystischen Erfahrungen führen und stellt das Bindeglied zwischen Transzendenz und Immanenz dar. Immer wenn die Seele sich vertrauend und hingebend nach oben öffnet, immer wenn das Göttliche in die Seele herabsteigt, werden Saiten in uns angeschlagen, die nicht dem Unbewußten angehören, aber ebensowenig der gewöhnlichen Bewußtseinssphäre, sondern eben etwas sind, das wir Überbewußtsein nennen.
So bedeutet Sublimation nicht nur Befriedigung der Triebenergie «in einer Äußerung, die sozial und moralisch höher bewertet wird», sondern daß die ganze Energie des Menschen geradlinig nur noch auf das Eine, auf Gott hin, ausgerichtet wird. Was aber heißt das?
Swami Omkarananda hat das einmal an einem Beispiel erläutert. Angenommen, so sagte er, er sei verliebt in ein junges Mädchen. Eine Zeit lang geht alles gut, und der Wunsch nach erotischem Erleben wird befriedigt. Dann aber verläßt ihn das Mädchen. Ist nun der Wunsch kleiner geworden ? Im Gegenteil, größer noch als zuvor! So ist also dies nicht der Weg, um Meister über sein Wunschleben zu werden. Der einzige Ausweg besteht darin, daß der Swami sich über alle Maßen in Gott verliebt. In Ihm nun sieht er das Mädchen; in Ihm erkennt er die Frau. Die Liebe zwischen Mann und Frau, die intensivste und gewaltigste Form der menschlichen Liebe, wird verwandelt zur göttlichen Liebe. Gott selber wird zum Gatten oder zur Gattin. So gibt es für Omkarananda keine Männer und Frauen mehr auf der Welt; denn sie alle sind für ihn leuchtende Manifestationen der einen Gottheit. Es gibt nur noch eine Geliebte und eine Gattin, nur noch einen Geliebten und einen Gatten; alle Liebe zwischen Mann und Frau und Frau und Mann wird dem Herrn dargebracht, als dem einzigen Ziel aller Liebe in der Welt. Gott wird zum geliebten Gatten und zur Gattin, zur Mutter und zum strahlenden Kinde; denn alle Liebe gründet und endet in Ihm. Das ist die wahre Sublimation ! Es wäre nun allerdings ein großes Mißverständnis, daraus zu folgern, daß die ganze Menschheit ein mönchisches Leben führen sollte. Jeder soll an seinem Platze groß werden. Eine in Reinheit und gemeinsamem Streben nach Einheit geführte Ehe ist absolut kein Hindernis auf dem geistigen Wege. Aber während normalerweise der junge Mann in seiner Freundin das Mädchen und der Ehemann in seiner Gattin die Frau erblickt, so sieht der Schüler auf dem geistigen Pfade nichts anderes als die Offenbarung der göttlichen Liebe, den Ausdruck der Göttlichkeit, welcher das eigene innere und göttliche Herz tief entflammt hat. 8)
Swami Omkarananda besitzt eine unglaubliche Fähigkeit, auf jeden Menschen und seine speziellen Probleme einzugehen. Sein psychologisches Feingefühl, seine intuitiven und inspirativen Gaben sind außerordentlich hoch entwickelt. Zwei Menschen können mit dem scheinbar gleichen Problem zu Omkarananda gehen; sie werden zwei ganz verschiedene Antworten bekommen, weil hier in einer sehr differenzierten Art und Weise auf die Probleme eingegangen wird. Jeder Mensch erhält die Antwort, welche seiner Stufe und seiner Situation entspricht; was für den einen gut ist, braucht es nicht unbedingt für den andern zu sein. Omkarananda versteht es, weit tiefer in die menschliche Seele hineinzublicken, als das mit noch so großen psychologischen Tests und Fachkenntnissen möglich wäre. Und was das so ungemein Tröstliche, Erhebende, ja direkt Erschütternde bei jeder Begegnung mit Omkarananda ist: er erblickt in den Tiefen unserer Seele nicht nur Konflikte und einander entgegengesetzte Tendenzen, nicht nur den nackten Egoismus und ein abgründiges Triebleben im Unbewußten. Freilich, all dies sieht er auch, und er wäre der letzte, welcher die fundamentale und oft erschreckende Bedeutung des unbewußten Seelenlebens verkennen würde. Dazu gehört beispielsweise, daß er es wie kaum ein Zweiter versteht, Träume, jene Produkte des Unbewußten, auf ihren tiefsten Sinn und Inhalt hin zu deuten.
Trotzdem also Omkarananda das alles nicht verborgen bleibt, sieht er in uns letztlich und eigentlich nur eine Offenbarung des göttlichen Bewußtseins. Er spricht uns als Söhne und Töchter des einen Vaters an. Er hält einen Zauberspiegel vor unsere Augen und sagt: Seht, so seid ihr in eurem innersten Wesen. Nun seht zu, daß sich dieses innere Licht vollständig in euch entfalte. Dieses Thema kommt hauptsächlich in den ersten beiden Kapiteln zur Sprache. Was uns Swami Omkarananda sagt, ist weder eine psychologische, noch eine philosophische Theorie. Es ist die reine Wahrheit, welche jenseits aller Theorien, aber auch jenseits aller nationalen und konfessionellen Schranken liegt. Vor allen Dingen ist es aber eine erlebte Wahrheit. Kein Satz Omkaranandas, den er nicht selbst erlebt, erfahren und erlitten hätte! Gelegentlich hat er selber davon gesprochen: «Alles, was ich jetzt gesagt habe, ist Wahrheit auf Grund dessen, was ich erfahren habe und erfahre. Gott hat mir in meinen Meditationsstunden die Tiefe und Realitat seiner Existenz gezeigt; Christus hat mich befreit vom menschlichen Gemüt und den körper lichen Begrenzungen und mich erhoben zu den großen Wohnungen der Ewigkeit. Er hat alle Zellen meines Wesens mit seiner Kraft und der unbeschreiblichen Freude getränkt. Er hat mein ganzes inneres Wesen durch alle die höheren Welten hindurch geführt.»
Oder ein anderes Mal: «Ich würde niemals mit euch über die Unsterblichkeit sprechen, wenn ich sie nicht selber so und so oft erfahren hätte. Ich würde niemals vom unbegrenzten Frieden zu euch sprechen, wenn ich ihn nicht immer und immer wieder erlebt hätte, bis er zum konstanten Faktor meines Lebens geworden ist. Alles, wovon ich in diesen vielen Tagen gesprochen habe, sind die Resultate und Erfahrungen meines Lebens. Diese Erfahrungen sind immer wieder bewiesen worden in meinem täglichen Leben. Sie sind aber nicht mein Vorrecht; sie können auch euch angehören. » Dazu gehört nun aber, daß auch wir das Göttliche tatsächlich erfahren und es im alltäglichen Leben verwirklichen und nicht nur darüber sprechen oder davon schwärmen. Wenn jemand in einer gesegneten Stunde Omkarananda einen guten und positiven Brief schreibt, wird er sich gewiß sehr darüber freuen; aber, wird er dann sagen, viel wichtiger als noch so schöne und gutgemeinte Briefe, ist es, wenigstens einen Zehntel davon auch in schwierigen Alltagssituationen zu verwirklichen. Darum ist all das, was in den kommenden Kapiteln Omkarananda zu uns spricht, ein eindringlicher Aufruf zum Erwachen, Erleben und Verwirklichen. Darum geht an den ernsthaften Leser die nachhaltige Bitte, diese Blätter nicht als eine Art geistiges Lese und Erbauungsbuch zu betrachten, sondern als eine Aufforderung zum täglichen Gebet und zur täglichen Meditation, zur harten Arbeit an sich selber.
Der Verwirklichung kommen wir nur näher, wenn wir nicht stillestehen. Wie oft aber möchten wir stehen bleiben und überhören dabei den Aufruf zum Weitergehen! Gerade Menschen, welche schon einige Fortschritte gemacht haben, erliegen gerne dieser Gefahr. Ganz besonders sind es mystische Erfahrungen, welche zum Fallstrick werden können. Das ist menschlich gesehen verständlich; denn welcher Mensch erfreute sich beispielsweise nicht an einer schönen Vision ?
Mystische Erfahrungen sind manchmal gewiß sehr nützlich und stellen, wenn ich so sagen darf, willkommene Zulagen auf dem mystischen Pfade dar. Aber so oft geschieht es, ganz besonders in okkulten und mystischen Gruppen, daß diese Zulagen zur Hauptsache werden, und die Hauptsache - die dienende Selbsthingabe an Gott - zur Nebensache.
Vor einigen Jahren hatte ich einen Traum, der mir mit einer wunderbaren Klarheit und Transparenz den eigenen Lebenspfad aufzeigte. Still bewahrte ich diesen Traum in meinem Herzen und voll Freude ging ich hin zum Swami, um ihm meinen Traum zu erzählen. Im Geiste stellte ich mir vor, wie er nachher anerkennend und bekräftigend darüber sprechen würde. Was geschah aber ? Omkarananda hörte sich meine Schilderung geduldig wie immer an und gab dann zur Antwort: «Das ist nicht wichtig. Vergiß diesen Traum. Aber setze all deine Energie dafür ein, wie du demütiger, reiner und gütiger werden kannst!»
Gleicherweise betonte Omkarananda, speziell im Kapitel über den Okkultismus, wie verkehrt es ist, mit all unseren Kräften den okkulten Erscheinungen nachzujagen, wo doch im Grunde nur eines nottut.
Darum: Wache auf und gehe immerzu voran . . . !
Ich habe davon gesprochen, daß uns Omkarananda keine Ansichten oder Theorien mitgegeben hat, sondern erlebte Wahrheit. So stellt sich die Frage: Was für ein Mensch ist das, der solches erlebte und erfuhr ? Es ist wohl am besten, wenn wir hier Omkarananda selber zum Worte kommen lassen:
«Wenn sich das menschliche Herz entwickelt hat zu außergewöhnlicher Kraft, wenn sich unser Gemüt in seinem Hunger und Durst nach dem Gottbewußtsein aufgelöst hat, wenn unsere äußeren Augen nichts mehr konstatieren, wenn unsere Ohren offen sind und dennoch nichts hören, wenn in unserem inneren Bewußtsein Angst, Unruhe und negative Tendenzen verschwunden sind, wenn alles in uns sich sehnt nach dem Göttlichen und dieser Zustand während Tagen, Monaten und Jahren beibehalten wird, dann wird die unbekannte Gottheit anfangen, sich kundzutun. Dann wird die formlose Gottheit eine Form annehmen; dann wird eine Stimme ertönen aus dem stimmlosen Unendlichen; dann wird ein Etwas neben uns spürbar, mit dem wir in Kontakt treten und sprechen können. Es geschieht durch Gnade, daß wir die Mysterien, die Rätsel der zeitlosen Unendlichkeit, kennenlernen . . .» Es geschieht durch Gnade, sagt Omkarananda. Diese Gnade aber öffnet sich dem Menschen, welcher in höchster Eile und grosser Aufmerksamkeit danach trachtet, ein «Leben in der Welt, aber nicht von der Welt»9) zu führen.
«Jede Arbeit, die wir von diesem Tage an tun, ist Seine Arbeit. Alle Worte, die wir von diesem Tage an sprechen, sind Seine Worte. Wir haben keinen eigenen Willen mehr außer Seinem Willen. Wir haben kein Gemüt mehr, außer Seinem Gemüt. Wir sehen nichts, während wir alles sehen. Wir wünschen uns gar nichts mehr von außen, weil Sein endloser Friede, Seine Wonne und Sein Glück in uns sind.»
Körperliche und seelische Schmerzen werden in diesem Zustand wohl wahrgenommen; aber sie vermögen die innere göttliche Seligkeit absolut nicht zu beeinflussen:
«Es ist mir unmöglich, mich leidend zu finden, während mein ganzer Körper schmerzt. Es ist mir unmöglich, etwas Böses zu sehen, obwohl es durchaus da sein kann. Denn während wir hier auf Erden leben und alle menschlichen Pflichten erfüllen, sind wir immerzu in Ihm und erfüllt von Ihm.»
Und weiter noch: «Ich habe keine Programme, keine Pläne, keine Ziele. Wenn etwas scheinbar durch mich bewirkt wird, dann ist es Sein Tun. Meine Kraft, mein Alles ist er. Seine Gnade genügt mir vollkommen. Es gibt für mich keine Geheimnisse, weil dieses innere Wissen nicht mein Wissen, sondern Seine Kenntnis ist. Wer mich verehrt, verehrt nicht meine Persönlichkeit, sondern Ihn, und wer mich beleidigt, beleidigt Ihn und nicht mich... Hunderte Male habe ich Seine Arme und Augen gesehen, mit dem Ergebnis, daß ich sie heute jederzeit erlebe, unter allen Umständen und in allen Zuständen des Lebens.»
Den Schlüssel zu diesen Worten finden wir im JohannesEvangelium, in Jesu Abschiedsrede: «. . . Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir aus. Der Vater aber vollbringt in mir wohnend seine Werke. »10)
Je mehr sich für einen Menschen die Gnade des Gottbewußtseins öffnet, desto mehr wird er jenes große Geheimnis erfahren, daß Gott «in ihm wohnend seine Werke vollbringt.» Denn «wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch selbst vollbringen, und noch grössere dazu!»11)
Haarscharf ist die Grenze zwischen wahren und falschen Propheten. Es gibt nur ein untrügliches Zeichen: Der gottgesandte Diener lebt in größter Bescheidenheit und Bedürfnislosigkeit. Sein Wesen ist voller Demut und Hingabe. Er strahlt unendliche Kraft, Frieden und Liebe aus. Sein eigenes Ich ist abgestorben, weil nur noch das göttliche Du in ihm lebt.
Solch ein reiner und demütiger Diener Gottes ist Swami Omkarananda.
Dieser Diener Gottes, Swami Omkarananda, ist nun zu uns gekommen. Er hat zu uns gesprochen; er hat uns belehrt; er hat uns geliebt und er hat unter uns gelebt. Daß dieser einfache Mönch aus dem Himalayagebiet kam, ist unwichtig. Wichtig ist nur eines: daß dieser Mensch eine einzigartige Kenntnis vom göttlichen Leben besitzt und diese Kenntnis geradlinig und kompromißlos in seinem Leben verwirklicht. Omkarananda wird uns damit zum echten Wegweiser, zum Führer und «großen Bruder» für alle Wanderer ans andere Ufer.
Freilich, wer nur in den Niederungen lebt und noch nie etwas von den Höhen vernommen hat, wird kaum verstehen, was das Wandern ans andere Ufer bedeutet. Ich möchte dies anhand eines Beispieles erklären:
An Herbst und Wintertagen sind Stadt und Landschaft oft in einen undurchdringlichen Nebel eingehüllt. Oben aber, auf der Höhe, löst sich der Nebel langsam auf, und die ganze Klarheit eines tiefblauen Himmels mit einer alles überstrahlenden, alles vergoldenden Sonne öffnet sich über uns. Wenn nun ein Mensch nie etwas anderes erlebte als die neblige Niederung, so besäße er keine Kenntnis von der Sonne. Er lebte zufrieden sein Leben im Tale und verspürte kein Verlangen nach den Höhen. Genau so ist es auf dem geistigen Wege. Wer nie Gott berührte, wird ratlos und verständnislos der Sehnsucht nach der göttlichen Sonne gegenüberstehen. Er wird sein Leben leben, das Leben in seiner ihm gemäßen Sphäre. Wer aber auch nur einmal aus jenem Nebel emporgestiegen ist und die Sonne erblickt hat, wird diese Sonne nie mehr vergessen.
Wer auch nur einmal von der göttlichen Allschönheit berührt wurde, trachtet mit allen Kräften danach, diese Berührung wieder und wieder zu erleben oder aber er wird todunglücklich.
Nehmen wir an, eine Biene habe sich schon von tausenderlei Blumen genährt. Nun lernt sie eines Tages einen Nektar kennen, der alles, was sie bisher kostete, weit in den Schatten stellt und von einer unsagbaren Reinheit und Köstlichkeit ist. An den folgenden Tagen leidet die Biene große Qualen, weil sie ihren Nektar nicht mehr findet; denn alles andere schmeckt ihr nun fad und billig.
Jeder Mensch, der einmal vom göttlichen Nektar gekostet hat, gleicht dieser Biene. Mag er sich noch so sehr bemühen, wieder sein gewöhnliches Leben zu leben, er kann jenen Nektar doch nimmermehr vergessen. Er muß sich auf die Wanderung nach jenem Nektar aufmachen, obschon er weiß, wie beschwerlich, steinig und dornenvoll diese Wanderung ist. Er wird leiden; aber der größte Schmerz und das größte Opfer können jenen Nektar nicht vergessen machen.
Solcherart ist der Weg an das andere Ufer. Eine Gnade aber ist es, wenn uns ein Bruder wie Omkarananda auf diesem Wege vorangeht.
Es sei mir am Schlusse gestattet, kurz auf die Entstehungsweise dieses Buches hinzuweisen. Swami Omkarananda hat während seines Schweizer Aufenthaltes viele Vorträge, Einführungen und Besprechungen gehalten, die allesamt von Frau Hanna Herrmann, Winterthur, simultan ins Deutsche übertragen wurden. Frau Anni Wuhrmann, Winterthur, hat den größten Teil dieser Reden stenographisch aufgenommen und mir zur Verfügung gestellt. Ihnen und allen anderen, die mir in irgend einer Weise bei der Arbeit geholfen haben, möchte ich von Herzen danken.
Von dem großen gesammelten Material konnte natürlich nur ein kleiner Teil hier berücksichtigt werden. Swami Omkarananda hat mir in außerordentlicher Großzügigkeit völlig freie Hand gelassen. So habe ich versucht, das mir am wichtigsten Scheinende auf neun verschiedene Kapitel aufzuteilen, wobei teilweise (wie besonders im 3. und 4. Kapitel) größere zusammenhängende Vorträge, teilweise einzelne Bruchstücke verwendet wurden. Der Wortlaut entspricht weitgehend der deutschen Übersetzung, abgesehen von stilistischen Änderungen.
Und so hoffe ich, daß Omkaranandas Wort auch in dieser Form in die Herzen dringt und reiche Früchte trägt. Denn mit ihm kam ein Licht in die Täler, auf dass sich neue Lichter entzünden.
Beim Propheten Jesaja (Kap. 60,1) lesen wir jenen eindringlichen Aufruf, jene grandioseVerheißung: «Mach dich auf, werde Licht; denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn strahlt auf über dir. » Vor über zweieinhalbtausend Jahren wurden diese Worte an das künftige Zion, an das neue Jerusalem gerichtet. Heute werden wir sagen, dass dieser Aufruf und diese Verheißung ganz persönlich an jeden Einzelnen unter uns gerichtet sind.
Davon künden die nun folgenden Worte von Swami Omkarananda.
Jürg Wunderli
Tief verehre ich die Gottheit, die in deinem Herzen wohnt. Spürst du ihre Anwesenheit, die in dir gegenwärtig ist ? Wir sind alle Kinder Gottes. Du bist die gesegnete Verkörperung Seiner Macht und Seiner Liebe. Jesus Christus kann gesehen werden, Er kann zu dir sprechen und du kannst mit Ihm gehen. Seine Liebe für dich ist unbegrenzt, und Seine Segnungen sind ohne Ende. Gerade jetzt ist Er ganz bei dir. Er hat tausend Augen zu sehen und tausend Ohren zu hören. Er ist allmächtig, allgegenwärtig und allwissend. Christus ist die höchste Gottheit. Er ist immer bei dir. Diese Gottheit, die dir hilft und dich überall hin begleitet, ist auch der Schöpfer von Millionen anderen Welten, die Er ebenso liebt und segnet. Die Erfahrung Seiner Gegenwart ist auch für dich zugänglich, und zwar in diesem Moment. Je mehr du diese Erfahrung machst, desto gesegneter wird dein Leben werden. Was könnte dich daran hindern? Nichts als das Gebundensein an all die Kleinlichkeiten in deinem Leben. Du entgehst diesem göttlichen Bewußtsein, je mehr du in deine egoistischen Tendenzen, Gefühle und Interessen verstrickt bist.
Je tiefer du in diesem Gottesbewußtsein verwurzelt bist, desto erfüllter wird dein Leben. Je mehr du versinkst in das Gottbewußtsein, desto unerschöpflicher wird deine Kraft, desto unbegrenzter dein Wissen, desto allumfassender deine Liebe. Je größer deine Hingabe, desto rascher vollzieht sich deine innere Entwicklung, desto größer wird deine Weisheit. Wenn du in Christus bleibst, kannst du Wunder wirken. Wenn du aber in deinem eigenen Ich bleibst, bist du begrenzt in deiner Güte, begrenzt in deiner Kraft, begrenzt in deinem Denken. Ein Leben, das du nur in deiner Sinnenwelt lebst, das deinen Gefühlen ausgeliefert ist, und das den menschlichen Neigungen geschenkt wird, ist ein Leben der Begrenzung. Je näher du Ihm kommst, desto erfüllter wirst du von Kraft und Energie. Je mehr du deine Gedanken und Gefühle erhebst, desto reicher wirst du Seine Gaben empfangen können. Im Kontakt mit Ihm wird alles möglich. Aber wenn du dich entfernst von Seiner göttlichen Schönheit, Kraft und Herrlichkeit, dann versinkst du in die Mangelhaftigkeit und Hilflosigkeit.
Deshalb sollst du mit großer Dringlichkeit darangehen, dein Leben zu vervollkommnen und dich von Seiner Gnade und Seiner Kraft erfüllen lassen. Überall ist es dir möglich, dein Leben zu einem Leben im Christusbewußtsein zu gestalten, seiest du im Haus, im Büro oder sonst in irgend einem andern Bereich des Alltags.
Dieses Christusbewußtsein ist für dich in jedem Moment zugänglich, in allen Lebensumständen, in allen Lebensmöglichkeiten. Ich will dir die letzte Wahrheit sagen: In Wirklichkeit existiert überhaupt nichts anderes als das Christusbewußtsein. Aber jedesmal,wenn Christus nicht in deinen Empfindungen, in deinem Denken ist, verleugnest du Ihn, und du verlierst Ihn. Jedesmal wenn du mit deiner ganzen Hingabe die Verbindung mit Ihm suchst, kann sich dein Gemüt heben zu Seinem Gemüt, dein Denken und Fühlen zu Seinem Denken und Fühlen, und dein ganzes Wesen kann sich von Seinem Wesen durchströmen lassen. Wenn du nur einen kleinen Fortschritt machst, wirst du erfahren, wie nah du Christus bist und wie Er dir alles offenbaren will. Christus wird dich nicht nur durch eine Offenbarung, eine Erleuchtung führen, sondern durch Hunderte von Erfahrungen. Ich habe mich bemüht, mich für die vielen Pflanzen und Blumen in Europa zu interessieren. Aber jedesmal, wenn ich eine Blume ansehe, lächelt mir das Antlitz Christi entgegen.
Wenn irgendwo in der Welt meiner Person eine Leistung zugeschrieben wird, muss ich sagen, daß nicht ich, sondern Christus in mir es vollbracht hat. Wenn die Menschen zu mir kommen und mir von ihren übernatürlichen Erfahrungen berichten, welche sie in Verbindung mit mir gemacht haben, muß ich sagen, daß nicht ich, sondern Christus in mir es getan hat. Christus vollbringt unbeobachtet in der Stille nicht nur einige Wunder und Offenbarungen, sondern Tausende.
Die Gnade Gottes führt dein Leben bereits der größeren Reinheit, der größeren Gnade und der größeren Heiligkeit entgegen. Halte dein Streben und deine Bemühungen aufrecht, und du wirst erfahren, wie Christus sich dir zuneigt. Du bist dem Herzen des allbarmherzigen und liebenden Christus sehr nahe. Morgen wird es dein Vorrecht, dein Friede und dein Glück sein, das Christusbewußtsein zu erlangen und es weiterzutragen zu den andern.
Dieses Christusbewußtsein wird uns nicht vorenthalten werden, bis alle eins sind mit dem Vater im Himmel. Es gibt nichts Schlechtes in deinem Leben. Du mußt danach trachten, das Christusbewußtsein hineinzuziehen in all das, was du empfindest, in all das, was du denkst und in die Art, wie du lebst. Wenn du dich in dieser Weise bemühst, werden deine Fähigkeiten vergrößert, deine Energien wachsen, und du wirst ein immer größerer Diener werden. Sei dir immer bewußt, daß dieses Christusbewußtsein dich führen, dir helfen und dich immer segnen wird. Wenn du nun dieser Linie entlang gehst, was geschieht? Unbemerkt und allmählich wirst du eines Tages erleben, daß Christus mit dir geht. Von diesem Tage an werden deine Augen kein Übel und nichts Böses mehr sehen. Von diesem Tage an wirst du, wem immer du begegnen magst, Christus in dieser Person begegnen. Von diesem Tage an wird dein Herz erfüllt werden von dem Geiste der Barmherzigkeit und der Liebe. Von diesem Tage an wird dein Leben eingetaucht sein in die göttliche Liebe und Weisheit. Von diesem Tage an wird dir alles möglich sein, aber nicht durch dich in deiner Person, sondern durch Christus in dir. Von diesem Tage an ist dein Leben voll Friede, es wird gesegnet, ruhig und göttlich sein. Von diesem Tage an ist deine Gegenwart göttlich und inspiriert und wenn jemand dich achtet, ehrt und liebt, dann liebt er eben nicht dich, sondern Christus in dir. Dieser Tag aber und dieses Erlebnis ist dein unmittelbares Schicksal. Und jede kleinste Bemühung, die du in dieser Richtung unternimmst, wird reich belohnt werden. Denk daran, du bist jetzt in Ihm! Und du magst laufen, wohin du willst, du bist immer noch in Ihm. Ohne Sein Licht ist alles dunkel, aber du bist in Seinem Licht.
Wenn alles in dir zerbrochen scheint, ist nichts zerbrochen, weil Er alles wieder zusammenheilt. Du magst noch so Tränen vergießen über dein Unglück und deine Unzulänglichkeiten, all dies hat keine Wirklichkeit in Ihm.
Welches ist die schnellste Art, die Gottverwirklichung zu erlangen?
Die Art ist verschieden, je nach Person. Die einen erreichen die Gottverwirklichung durch die Mächte ihres Herzens, andere durch tiefe Kontemplation. Für jene, die im täglichen Leben ihrer Arbeit, sei es im Büro oder sonst irgendwo, nachgehen, ist dies der leichteste Weg zu dienen im Namen Gottes. Für wieder andere ist die Musik das Mittel der Gottverwirklichung. Aber auch die Pflege anderer Künste ist ein Weg zur Verfeinerung des Wesens. Wieder andere können all diese Methoden kombinieren. Immer aber geht es um eine intensive Liebe zur Gottheit, zur göttlichen Gnade und Schönheit. Es geht aber auch um das Bestreben, das Ego in dir zu überwinden, indem du die Gottgegenwart im Mitmenschen erkennst. Wenn du die Liebe zu Gott verbindest mit dem Dienst am Mitmenschen, wirst Du noch rascher vorankommen. Denn jede kleinste Bemühung, jeder Wunsch, jeder Plan, jeder gute Gedanke wirkt sich auf dein Vorwärtskommen, auf dein Weiterschreiten aus. Deine Fortschritte äußern sich im inneren Frieden, den du empfindest, in der Ruhe und Güte, die du ausstrahlst, in der großen Liebesfähigkeit, die von dir ausgeht. Du darfst nie aufhören, gut und positiv zu denken! Denn nur dadurch erfolgt dein Fortschritt, und zwar naturgemäß. Denke schärfer; analysiere genauer und logischer. Kontrolliere dich und alles um dich herum; schalte deine kleinlichen, egozentrischen Gefühle um in große, gute und reine Gedanken ! Kämpfe mit deinem Egoismus nicht in der Dunkelheit. Betrachte alles von der hellen, schönen und lichtvollen Seite. Versuche immer und immer wieder, deine Gaben und Kräfte zu entfalten, das allein wird dir schon zur großen inneren Freude.
In dir ist ein unendliches Bewußtsein. Dieses Bewußtsein aber ist dasselbe Bewußtsein, welches die unendlichen Welten um uns und über uns beseelt. Der Gott des Lichtes, der Liebe und der Vollkommenheit in dir, ist der Gott, der in allen Menschen und überall ist. Diese allsehende, allwissende und allmächtige Gottheit ist gegenwärtig in der ganzen Natur. Der Raum, der für dich leer ist, ist voll der unendlichen Mächte des Gottbewußtseins. Wenn du dich nach oben öffnest, wirst du die endlosen Segnungen des Göttlichen empfangen. Es sind ja viele Methoden da, und ich bitte dich, noch viel mehr nach Gott Ausschau zu halten. Du mußt daran denken, daß Gott eine unerschöpfliche, unbegrenzte Macht ist, welche Trillionen von Menschen in Erscheinung gebracht hat. Gott ist die unbeschreibliche Schönheit, die in dir selber ruht. Gott versteht dich, reagiert und antwortet auf deine Fragen. Wenn die Stunde der Erleuchtung durch dieses wunderbare göttliche Wesen kommt, dann bringt dir Gott zum Beispiel an deine Türe einen heiligen Menschen. Und dieser Mensch wird dir helfen, Gott tief zu erleben. Oder Gott bringt dir ein großes, inspirierendes Buch. Und wenn du wirklich intensiv nach der Erkenntnis Gottes trachtest, kann Er dir einen Traum oder eine Vision schenken, die dein Wissen und deine Liebe bedeutend erweitern.
Über das Reich Gottes 12) Das Reich Gottes ist die allwissende, allumfassende, leuchtende Gottheit. Es kann nicht gekauft werden, weil es kein irdisches Ding ist. Es ist hier um uns und in uns, denn es ist ein unendliches Gottbewußtsein. Richte einen Holzhaufen und wirf mich in dieses Feuer. Auch hier wird das Reich Gottes in mir und um mich herum sein. Führe mich zum Hause einer schlechten Frau und sage, hier wohne eine sündige Dirne, so werde ich das Reich Gottes auch in diesem Herzen erleben. Führe mich in irgend eine Straße oder zu irgend einem Menschen, das Reich Gottes wird sich mir überall offenbaren. Jeder Punkt im Weltall ist voll vom Reiche Gottes. Nur dort ist das Reich Gottes nicht, wo es sich um die Welterfahrungen und Weltversuchungen handelt. Aber das Reich Gottes ist immer in mir, immer in dir und nicht nur in mir und in dir, sondern in uns allen.
Das Reich Gottes ist nicht eine Sache des Erkaufens, sondern der Erfahrung. Je mehr unser Herz erblüht in der Liebe zu Christus, je mehr sich unsere Augen und unser Gemüt zu Seiner Schönheit erheben, je mehr unsere Gefühle rein sind und unsere Taten beladen mit dem Bewußtsein Seiner göttlichen Gegenwart, je mehr die Tugenden in uns, das Mitleid und die Barmherzigkeit erwachen, umso näher sind wir dem Reiche Gottes. Das Reich Gottes kann nicht gekauft werden in der Art, wie wir Dinge kaufen, aber es kann gekauft werden, indem wir uns ihm weit öffnen. Es kann nur gekauft werden durch unsere unbegrenzte, alles umfassende Liebe zu Christus. Es kann nur gekauft werden, indem wir uns vollständig Seinem Willen, Seiner Gnade, Seiner Vollkommenheit hingeben. Das Reich Gottes ist eine Angelegenheit der lebendigen Erfahrung. Solange wir unwissend sind, solange wir verstrickt sind in unseren Begrenzungen, werden wir das Reich Gottes nirgends sehen, sondern nur Sünde und Unzulänglichkeit.
Reinheit und Einheit « Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.»13)
Reinheit: Sei mit dem Wort Reinheit sehr vorsichtig. Wenn du dir vorstellst, dass du reinen Herzens bist, wirst du Gott nicht sehen. Wenn du sogar sehr reinen Herzens bist, wirst du Gott nicht sehen. Du bist rein in der Art, wie weit deine Vorstellung von der Reinheit reicht, aber du bist nicht so rein, wie Gott es verlangt. Denn nur das, was in den Augen Gottes Reinheit ist, kommt hier in Frage. Wenn du denkst, daß du rein bist und dir deine Reinheit genügt, machst du einen großen Fehler. Wenn deine Reinheit mit menschlichen Augen gesehen genügend wäre, ist es vielleicht doch nicht die Reinheit, die Gott verlangt. Es gibt so viele Menschen auf der Welt, die wir als rein betrachten, und doch haben sie Christus nie gesehen. Daß diejenigen, die reinen Herzens sind, Christus schauen, ist wahr. Die Frage ist nur: welche Art von Reinheit schaut Christus? Es handelt sich um die Reinheit, wie Gott sie versteht, nicht wie du sie verstehst. Gib Gott nicht die Reinheit, die dich befriedigt. Gib Ihm die Reinheit, die Er von dir verlangt. Die Art von Reinheit aber, die Er von dir verlangt, wird sich entwickeln, je mehr du mit Ihm eins wirst. Die Art von Reinheit, welche Er von dir verlangt, wird sich entwickeln, wenn du dich Ihm zuwendest, mit deiner ganzen Kraft, Hingabe und Liebe. Deine menschliche Reinheit ist ein Mittel und ein Weg. Sie ist eine Hilfe, damit Gott dir Seine Reinheit zeigen und erweisen kann. Seine Reinheit aber ist die Bedingung, um die Einheit mit Gott erfahren zu können.
Einheit: Einheit ist dort, wo du eins bist mit dem höchsten göttlichen Bewußtsein in dir. Es gibt keinen Punkt im Raume, wo nicht dieses Christusbewußtsein da wäre. Es gibt kein menschliches Wesen, das nicht in sich selbst Christusbewußtsein hätte. Dieses Bewußtsein ist immer in uns. Dieses Bewußtsein sieht auch alle dieienigen, die noch konstant schlafen. Es ist sogar vollkommen in denjenigen Menschen, welche es zulassen, von ihren tierischen Instinkten regiert zu werden. Ohne dieses Christusbewußtsein können wir weder leben noch atmen noch uns bewegen. Das Christusbewußtsein ist die Grundlage unseres Lebens. Es ist das Licht deines Lebens, die Seele deiner Seele, das Bewußtsein deines Bewußtseins.
Nenne diese allwissende, allmächtige, allleuchtende Macht Christus, Christusbewußtsein, heiliger Geist oder sonst irgendwie, der Name spielt keine Rolle. Aber wisse, daß dieser Geist oder dieses Bewußtsein immer eins ist mit der höchsten Gottheit, mit dem Vater im Himmel. Dieser Geist oder dieses Bewußtsein ist überall und in allen Wesen. Aber nur einige erleben Ihn, und die andern fliehen vor Ihm. Christus ist wie die Sonne am Firmament. Die Sonne scheint ebenso auf den Wolkenkratzer wie auf den Palast und die Hütte des armen Mannes. Häuser mit Glasdächern sind erfüllt von Sonne und Licht, aber Häuser mit Ziegeln lassen keinen Sonnenstrahl hindurch. Obschon also die Sonne überall ist, gibt es Häuser, die das Licht durchlassen und andere, die die Sonne nicht durchlassen.
Gleichfalls ist Gott gegenwärtig in allen Wesen, ob sie höher oder niedriger, gut oder böse sind. Aber die Heiligen offenbaren Ihn und die Unheiligen schlafen. Die Verwirklichung der Einheit in der absoluten Reinheit ist dein Ziel. Wir sind alle eins im Geiste, aber nicht eins im Gemüt, nicht eins in unseren Gefühlen und nicht eins in unseren Körpern. Der ganze innere Geist in uns sehnt sich nach dieser Einheit. Aber der Mensch, der durch das Drängen des sexuellen Instinktes weggezogen wird von dieser Sehnsucht, umarmt die Frau und erliegt dieser Leidenschaft. Deshalb kann die Einheit nicht erlangt werden dadurch, dass wir einen andern Menschen in den Armen halten, wohl aber kann sie in der Tiefe deines Wesens erreicht werden, in deinem Verstehen, in deiner Liebe und in deinem Trachten nach Vollkommenheit. Du mußt wissen, daß die Vereinigung der Körper diese Einheit nicht zustande bringen kann. Die Einheit muß in deinen Gedanken, Gefühlen, Bestrebungen, kurz, in deinem ganzen geistigen Sein stattfinden. Sobald du die Gotterfahrung der Einheit gemacht hast, bist du sofort eins mit allen Menschen, allen Wesen und allen Elementen. Und wenn du das erreicht hast, besitzst du ein kosmisches Bewußtsein, eine universelle Weisheit und eine göttliche Liebe.
Der eine Herr und die vielen Namen Christus ist identisch mit der höchsten Gottheit. Als Christus auf Erden war, konnte Er nur eine spezielle Art Arbeit ausführen. Aber in sich hatte Er eine so tiefe Erfahrung des Unendlichen und war derart vollkommen im Gottbewußtsein, daß keine Arbeit für Ihn unmöglich war, sofern Er es nur wünschte. Es gab keine Vollkommenheit des Vaters im Himmel, die Er nicht auch haben konnte, wenn Er sie wollte. Es gab keine Möglichkeit der höchsten Gottheit, deren Er nicht auch fähig gewesen wäre, wenn Er es wünschte. Deshalb kann die Rettung der Welt durch Christus kommen, aber nicht notwendigerweise durch Christus allein. Denn Christus ist nicht der Sklave Seines eigenen Namens oder der Persönlichkeit. Als ich mich in tiefer Liebe und Verehrung der Mutter Maria zuwandte, da kam Christus zu mir und verlangte Seine Verehrung und Seine Liebe. Als ich mich in Liebe Allah hingab, stand Christus neben mir. Und wenn ich in irgend eine indische Gottheit versunken bin, dann stehen Christus und die Mutter Maria neben mir. Deshalb sollte die Errettung der Menschheit durch Christus kommen, aber nicht durch Christus, wie wir Ihn verstehen. Christus, der zum Mohammedaner kommt in seiner mystischen Erfahrung, ist auch Christus. Wenn die Mutter Maria neben dir steht und ihre Schönheit, Reinheit und Herrlichkeit enthüllt, dann kannst du sicher sein, daß auch Christus dabei ist. Das höchste Christus-Bewußtsein kann und will zu dir kommen als Jesus14).
Aber auch wenn ein Mohammedaner erfüllt ist von seiner Gottheit, die er Allah nennt, können wir sicher sein, daß Christus anwesend ist, jedoch nicht in der Persönlichkeit, wie wir Ihn sehen.
Stets mußt du dich der einfachen und absoluten Wahrheit erinnern, daß Christus immer eins ist mit dem Vater im Himmel. Was spielt es für eine Rolle, ob wir sagen Vater oder Christus? Was kommt es darauf an, ob wir Ihn Gott, Allah oder Christus nennen? Es ist alles dasselbe.
Sogar wenn wir Jesus Christus aus unserem Leben entfernen und nur an den Vater im Himmel denken, wird Christus dabei sein. Es ist nicht so, daß Christus nur in der Form, wie wir Ihn erleben, gegenwärtig ist, sondern Er kann ebenso gegenwärtig sein in Allah bei den Mohammedanern. In welcher Form sich Gott auch offenbaren mag - du erlebst Christus. Und wenn du zu Christus allein gehst, wirst du doch den Vater berühren und erfahren.
Von der Notwendigkeit der kirchlichen Unterweisung Frage: Sollen wir bei der Erziehung unserer Kinder die übliche kirchliche Unterweisung weglassen, um die noch neutrale Kinderseele frei von einem bestimmten religiösen Weg zu erziehen?
Antwort: Gerade wenn wir alle Verkehrsregeln kennen und gute Autofahrer sind, wäre es ganz unweise, der Regierung nahezulegen, auf die üblichen Verkehrsbezeichnungen auf den Straßen zu verzichten. Es wäre unklug, die Stoppsignale an den Kreuzungen zu entfernen. Genau so ist es bei der Erziehung. Gerade wenn unsere Reinheit, unsere Weisheit und unsere jetzige Erkenntnis uns befähigen, dem geistigen Pfad ohne Dogma und ohne spezielle Unterweisung zu folgen, so heißt das absolut nicht, daß alle andern in der Lage wären, diesen Weg zu gehen. Deshalb sind alle kirchlichen Gruppen, Konfessionen und Sekten mit bestimmten Richtlinien notwendig. Die Kirche ist eine organische Notwendigkeit des menschlichen Individuums. Niemals werden wir die traditionellen Gebete der Kirche aus dem Wege schaffen können; denn die jetzt in der Kirche verwendeten Gebete sind wertvoll und zeitlos. Es ist auch nicht weise von uns, zu denken, daß das Kind nicht durch die Erfahrungen hindurch muß, die wir jetzt hinter uns gelassen haben. Vielleicht ist das Kind nicht so entwickelt wie wir und braucht deshalb alle Weg- und Stoppzeichen. Umgekehrt mag es auch der Fall sein, daß wir im Grunde diesen Weg der Kirche noch nötig haben, aber unsere Kinder ihn vielleicht nicht mehr brauchen. Es kann sein, daß unsere Kinder reiner und innerlich weiter entwickelt sind als wir. In diesem Falle wären natürlich unsere kirchlichen Vorschriften unnötig für sie.
Aber selbst dann, wenn die kirchlichen Unterweisungen nicht mehr notwendig sind für uns, sollen wir sie verehren und hochachten. Wir haben die Sonne, und wir haben das Tageslicht. Aber wenn wir einen Gottesdienst durchführen, zünden wir dann nicht eine Kerze an? Würde eines von uns aufstehen und sagen, nein, es sei ja noch hell? Es kann sein, daß wir die Stufe erreicht haben, da die Sonne selber aus uns leuchtet und wir die Kerze nicht mehr brauchen. Aber was hindert uns daran, dennoch in die Kirche zu gehen und die Belehrungen entgegenzunehmen? Wenn wir aufhören zur Kirche zu gehen, könnten dann die weniger Entwickelten nicht in Versuchung kommen, auch nicht mehr in die Kirche zu gehen, und damit das nicht zu hören, was sie nötig haben?
Ich verehre eure Gottesnähe und eure Aspiration, der Vollkommenheit näher zu kommen. Ich verstehe auch, daß ihr imstande seid, Gott zu erfahren, wo immer ihr seid. Aber das ist kein zwingender Grund, weshalb ihr euch von der Kirche entfernen sollt; denn ihr sollt eure Reinheit, eure Gottesnähe mit in die Kirche bringen, und ihr sollt deshalb Gott noch viel stärker erleben als die andern. Es ist gut, wenn wir uns an die bestehende Ordnung halten, weil diese kirchliche Ordnung für so viele Menschen notwendig ist und unser Verhalten ein Ansporn sein wird für die andern, um diesen Bestimmungen auch zu folgen. Wenn wir uns von der Kirche entfernen, wird das ein Argument sein für die Atheisten, und es wird andere, wirkliche Gottliebhaber in Versuchung bringen, der Kirche den Rücken zu kehren.
Nun mag es aber Fälle geben, wo wir den Eindruck haben, daß wir die absolute Freiheit brauchen, wo die Bedürfnisse Gottes in unserem Herzen uns im Geheimen sagen: Entferne dich von der Kirche, weil ich dich sofort brauche im Haus oder im Wald, weil ich dich sofort brauche für eine geheime Verbindung mit mir in der Einsamkeit, durch Musik, durch ein persönliches Gebet oder durch irgend eine Gott-inspirierte Meditation. In diesen Fällen wird es für uns wesentlich sein, daß wir uns nicht an eine kirchliche Belehrung oder Vorschrift halten. Aber wenn wir diese Stufe erreicht haben, dann soll das alles in absoluter Stille geschehen, und unser Innerstes soll darüber schweigen zu den anderen Menschen. Trotzdem wir dann nicht zur Kirche gehen und uns nicht nach den Dogmen der Kirche richten, werden wir gegenüber der Kirche und ihren Vorschriften loyal bleiben.
Das Reich der Gnade und unendlichen Freude ist nicht von dieser Welt. Aber jenes Reich unterhält und stützt diese Welt. Jenes Reich ist die Substanz, aus der dieses irdische Reich gemacht ist. Und dieses irdische Reich ist ein begrenzter Ausdruck jenes Reiches, das voll Wunder ist. Was wir aber auch immer an Begrenzungen, Mißlingen und Versagen erleben mögen in diesem begrenzten Dasein, in diesem Reich der Erde und der Materie, so ist jenes Reich Gottes allvollkommen. Jenes Reich ist absolutes Wissen, das in seinem Wesen unbeschreibbar ist. Jenes höhere Reich beherrscht dieses Reich, stützt und unterhält es. Die Erfahrung der großen Mystiker und vor allem die Erfahrung Jesu Christi hat uns gezeigt, daß jenes Reich nicht von dieser Welt ist. Aber zugleich ist uns auch klar gemacht worden, daß dieses Reich hier, in welchem wir Schmerz und Leiden, Krankheit und Unvollkommenheit erleben, daß dieses irdische Reich des Versagens doch nicht ganz abgeschnitten ist von dem Reich Gottes.
Die Erkenntnisse der höheren modernen Physik führten zu den Schlußfolgerungen, daß die Materie in Energie aufgelöst wird. Die Wissenschafter, die zugleich Philosophen sind, haben die Materie und Energie als Gedanken erklärt. Dadurch wird die Wissenschaft in vermehrtem Maß idealistisch und sie versucht nun, die materielle Welt auf Grund nichtmaterieller Prinzipien zu erklären. Dies ist ein Mittel für uns, unsere Erforschung bis ins jenseitige Gebiet zu übertragen. Der Gedanke an sich ist wertlos, wenn wir nicht das Bewußtsein in Betracht ziehen, aus dem der Gedanke entspringt. Wenn der Gedanke ein Produkt des Bewußtseins ist und die Materie ein Produkt des Gedankens, dann wird vorausgesetzt, daß das Bewußtsein und der Gedanke irgendwie mit der Materie verbunden sind. Wir kommen zur Schlußfolgerung, daß das Bewußtsein die Materie unterhält und sich innerhalb der Materie befindet. Deshalb ist die Materie an sich nicht außerhalb des Bewußtseins. Von der Materie her erkennen wir die Natur und innerhalb der Natur werden wir des Lebens bewußt. In den Lebensformen ist etwas, was eine Art primitives Gemüt darstellt, ein grundlegendes Bewußtsein, das sich später organisiert als ein funktionierendes Gemüt. Also war das Bewußtsein im Anfang; aus dem Bewußtsein ist die Materie entsprungen, und die ganze Natur ist auf der Materie aufgebaut. In der Natur haben wir die Lebensphänomene, und innerhalb dieser Lebensphänomene ist etwas, was wir das Wirken des Gemütes nennen, und unter diesen Lebensorganismen sind wir eine Art. Innerhalb dieser Lebensform sind wir Erben des Gemüts. Wir erleben die Welt um uns herum durch unsere Sinne, durch unsere Haut und durch unser Gemüt.
Wir wollen zurückgehen auf das Bewußtsein, welches die Basis ist von allem, was wir besprochen haben. Dieses Bewußtsein war am Anfang. Wir müssen daran denken, daß dieses Bewußtsein etwas Unbeschreibliches, Unzerstörbares, Ewiges ist. In seinen unendlichen Wirkungsmöglichkeiten geht es weit über unser Verstehen und Erfassen hinaus.
Nun wollen wir das Wesen des Bewußtseins prüfen. Wenn dieser Raum, wenn Raum und Zeit dem Bewußtsein entsprungen sind, ist es uns dann irgendwie möglich, das Wesen dieses unendlichen Raumbewußtseins zu verstehen? Dieses Bewußtsein, das unser Verstehen übersteigt und jenseits der Möglichkeit unseres Verständnisses liegt, ist eigentlich im Grunde die Quelle alles dessen, was wir erfahren. Es ist dieses unendliche, unbeschreibbare Bewußtsein, das alle die Trillionen von Welten zur Erscheinung gebracht hat. Nachdem es Zeit und Raum und alle die verschiedenen Weltalle projiziert hat, ist es zugleich innerhalb von diesen Welten und außerhalb und über diesen Welten, überall. Wenn dieses unendliche Bewußtsein ein Meer oder ein Ozean ist, dann sind unsere meßbaren Raumverhältnisse wie ein Eisberg innerhalb dieses Ozeans, und dieser Eisberg ist das Resultat des Ozeans gewesen; er befindet sich im Ozean, und der Ozean ist zugleich wieder der Eisberg und trotzdem viel größer und weiter als der Eisberg. Genauso verhält es sich mit dem ungeheuren Raum um uns herum, und allem, was wir darin sehen, die Himmel, die Sterne, die Pflanzen, Tiere und wir selber. Gerade so, wie der Ozean den Eisberg hält, während er zugleich der Eisberg ist, wird diese Welt unterhalten und gestützt als das unendliche Gottesbewußtsein.
Wir haben zwei Reiche, das Reich des Ozeans und das Reich des Eisberges, den Ozean des unendlichen Gottbewußtseins und das Reich, das wir erleben durch unsere Sinne innerhalb von Zeit und Raum. Die Kraft, der Wert und die Mächte dieses Lebens liegen im Reich der Himmel, im Gottbewußtsein, genau so wie der Eisberg und seine Eigenschaften innerhalb des Ozeans liegen. Kehren wir aber zu uns selber zurück. Wir haben ein Gemüt; wir haben ein Ego. Wir sind eine starke, selbstsüchtige Persönlichkeit. Nicht nur ist der Ozean, das Gottesbewußtsein, abgeschnitten von unseren Gedanken und Gefühlen, und wir haben in all unseren Erfahrungen den Begriff der Trennung des Inneren vom Äußeren; wir erleben durch unser Ego, durch die Sinne und durch das Gemüt auch die Ursache all unserer Trennungen. Die Fähigkeiten unseres Gemütes und unseres persönlichen Ich sind so begrenzt, daß alle die Erfahrungen sich innerhalb von Zeit und Raum bewegen. Und diese Erfahrungen sind größtenteils materieller Art. Unsere Erfahrungen sind manchmal falsch, manchmal nur die halbe Wahrheit, oder irgendwie verzerrt. Wir haben uns so stark von der eigentlichen Wirklichkeit abgeschnitten, daß sie uns nur noch illusorisch erscheint. Wir leben in einer Welt, die wir selber erschaffen haben, und welcher Art ist diese Welt der eigenen Schöpfung? Es ist die Welt der eigenen Schwäche, der Krankheit, des Leidens, des Todes und der Mißerfolge. Diese Art Welt, wie wir sie erleben, ist ganz verschieden von dem Reich der Himmel oder dem Reich Gottes. Ist nun der Eisberg etwas Andauerndes, Ewiges ? Nein, der Eisberg ist nicht ewig und nicht andauernd. Nur der Ozean ist immer da. Wenn es Sommer wird, ist der Eisberg nicht mehr sichtbar. In der gleichen Weise ist unsere Welt der Sorge, Ungewißheit, der Sünde und des Leides etwas, was nicht andauernd ist, es ist etwas, was überwunden, besiegt und weggenommen werden kann.
Alles, was wir hier erleben, ist nicht andauernd und kann verwandelt werden in das Gottesbewußtsein. Wenn wir das Unglück des Menschen betrachten, den Hass, der manchmal zur Geltung kommt, die Unwissenheit, die sogar durch die Bücher noch gefördert wird, die Ungerechtigkeit, die ein Mensch dem andern zufügt, wenn wir all das Unvollkommene und Traurige auf Erden sehen, dann kann wirklich ein Mystiker, der die Christuserfahrung macht, aus vollem Herzen sagen: Diese Welt ist nicht meine Welt.
Wir sind nun an dem Punkt angelangt, wo wir deutlich die beiden Königreiche unterscheiden können. Es geht da um die Wahrheit, um die beiden Königreiche von denen die Bibel spricht. Wir haben auch gesehen, daß dieses erste unvollkommene effektive Reich Beziehungen hat zum Königreich der Himmel. Trotzdem wir nun in diesem unvollkommenen Königreich leben, sagt die Bibel: «Das Königreich der Himmel ist in Euren Herzen. »15) So wie der Ozean innerhalb des Eisberges ist, befindet sich das Königreich Gottes in euren Herzen. Der Ozean des unendlichen zeitlosen raumlosen Reiches ist in euren Herzen. Wenn wir diesen Punkt erreicht haben, dann sind wir erwacht, dann schlafen wir nicht mehr in Bezug auf die Realität. Deshalb besteht der erste Schritt darin, dem unendlichen Gottesbewußtsein nahe zu kommen, eben dieses große Erwachen zu erleben.
Worin besteht dieses Erwachen? Es geht um das verstärkte Bewußtsein der Tatsache, daß das Reich Gottes in uns, um uns und über uns ist. Welches ist unser Erwachen in Bezug auf den Eisberg? Der Eisberg weiß nun, daß er ein Bestandteil des Ozeans ist und daß der Ozean in ihm selber ist. Der Eisberg wird sich der Tatsache bewußt, daß er keine getrennte Individualität besitzt neben dem Ozean. Der Eisberg weiß, daß jeder Versuch, ihn als ein vom Ozean getrenntes Objekt darzustellen, eine falsche Annahme ist. Er weiß einerseits, daß ein großes Schiff ihn in Stücke zerreißen und zerstören kann, anderseits, daß er ein Bestandteil des Ozeans und daher unzerstörbar ist. Und dieses Wissen des Eisberges ist seine Kraft und Errettung. Dieses Wissen des Eisberges befreit ihn von der Furcht und Begrenzung. Wenn der Tag kommt, wo der Eisberg ganz sicher ist, daß er durch den Ozean gestützt, daß er im Ozean ist und zum Ozean gehört, dann ist das sein großer Tag des Erwachens. Und das ist der große Schritt in seinem Leben in Bezug auf seine Wiedervereinigung mit dem Ozean. Deshalb sagt die Bibel: «Diejenigen, die schlafen, sollen erwachen. »16) Wir alle mit unserer Intelligenz und Geschicklichkeit, unseren Fähigkeiten und Kräften und unseren stolzen Besitztümern, unserer Jugend und unserer Gesundheit und allen unseren andern Aktivposten, wir alle sind schlafend. Wir sind unwissend oder kennen nicht die großen Schätze in uns und um uns herum. Wir sind vollständig unwissend in Bezug auf den ungeheuren Ozean, der uns stützt, hält und unsere Unterlage und Basis bildet. Wir schlafen absolut in Bezug auf das Königreich der Himmel in uns. Wir schlafen in Bezug auf das Gottesbewußtsein, welches die Stütze unserer Intelligenz ist, welches unsere Liebe im Herzen aufrecht erhält und unser Leben hält. Darum sagt uns die Bibel, daß wir als Schläfer erwachen sollen. Unsere Aufgabe besteht darin, das Christusbewußtsein zu erleben. Dieses Erwachen ist eben das Erwachen zum Christusbewußtsein. Ein bloßes Erwachen ist noch nicht genügend. Wir müssen einen zweiten Schritt machen. Wir müssen erwachen, um all die Hindernisse und Begrenzungen zu erkennen, welche uns nicht erlauben, zur Erfahrung des Gottesbewußtseins zu kommen. jedes Hindernis, das sich unserer Erweiterung entgegenstellt, jede Wand, die da steht vor unserem Wissen und jedes Idol, das uns hemmt, unsere Liebe zu erweitern und jede Begrenzung, die uns zur Materie und zum Körper hinbindet, alle diese Begrenzungen müssen zerbrochen werden. Sie sind die Begleiterscheinungen dieser Erde, sie gehören zum Reiche des Cäsars. Darum sagt die Bibel: « Gebt dem Cäsar, was des Cäsars ist. »"17)
Welches sind die Münzen, die wir dem Cäsar geben sollen? Alle die Hindernisse: Unsere Krankheit, Leiden, Sorgen, Mißlingen, das sind die Münzen des Cäsars und diese sollen uns nicht mehr gehören, dann sind wir Söhne und Töchter der allmächtigen Gottheit. Das ganze Meer des Gottbewußtseins ist in uns. Wir sind unsterbliche Könige und unsere Würde, Göttlichkeit, ist so groß wie die des Vaters, und der Vater ist unendlich vollkommen. Nachdem wir nun alles hergegeben haben, was uns eigentlich nicht gehört, sagt uns die Bibel, daß wir Gott geben sollen, was Gott gehört. Was gehört Gott? Unsere Liebe, unser wachsendes Bewußtsein, unser Glaube und unsere Vollkommenheit und innere Schau und unsere Weisheit, unser Leben, unsere Seele. Alles dies müssen wir dem göttlichen Vater hingeben, und wenn wir ihm das alles geben, dann werden wir so vollkommen wie Er sein. Wenn Seine Weisheit unendlich ist, dann wird auch unsere Weisheit unendlich sein. Wenn Seine Liebe absolut ist, wird unsere Liebe absolut werden. Wenn Sein Wissen endlos ist, wird unser Wissen endlos sein. Wenn Sein Bewußtsein allschöpferisch und allwunderbar ist, dann wird auch unser Bewußtsein allschöpferisch und allwunderbar sein. Wenn Er unzerstörbar, zeitlos, todlos, unsterblich ist, dann sind auch wir zeitlos, raumlos, ewig, unsterblich. Wenn Er selbstleuchtend ist, dann sind auch wir selbstleuchtend. Das ist der zweite Schritt unserer Annäherung an das Gottesbewußtsein.
Nun müssen wir zum dritten Schritt gehen. Es genügt nicht, wenn wir wach sind, und es genügt nicht, wenn wir weggeworfen haben, was uns nicht gehört, d. h. die Schwächen und Unvollkommenheiten der menschlichen Natur. Der dritte Schritt heißt, daß wir die Gottgegenwart anerkennen müssen. Deshalb sagt die Bibel: «Erkenne Ihn auf allen deinen Wegen.» Wie können wir die Gottgegenwart auf allen unseren Wegen anerkennen? Vielleicht heften sich unsere Blicke auf die Pflanzen und Bäume um uns herum. Die Pflanzen sind geschmückt mit schönen duftenden Blüten. Erkennt die Gottgegenwart, die durch die Schönheit der Blume lächelt und welche zu uns kommt durch unseren Geruchsinn. Wir sollen ihn auch erkennen im Sonnenschein; wir sollen sogar die Hand schütteln mit Gott im offenen Raum, denn was unseren Sinnen vorkommt wie ein offener Raum, dieser sogenannte leere Raum, ist durchströmt von dem allsehenden Gottesbewußtsein. Wir dürfen nicht vergessen, daß Moses im offenen Raum seine Vision hatte und daß die höchsten Mystiker ihren Gott im offenen Raum liebten. Denn der offene Raum ist eben nicht das, was uns die Sinne vermitteln; es gibt keinen Punkt im Raume, wo Gott nicht gegenwärtig wäre mit seiner Macht. Deshalb soll etwas in unserem Herzen und Denken und Gemüt die Gottgegenwart erkennen im offenen Raum.
Vielleicht ist es uns bewußt, daß wir atmen; nun sollen wir einmal nachprüfen, welches die Quelle des Atems ist. Wir müssen verstehen, daß der Atem das Leben unterhält. Aber im Grunde ist die Luft, die wir einatmen nicht Stütze des Lebens; denn es ist etwas innerhalb des Atems, welches das Leben unterhält. Nehmen wir an, wir haben einen toten Körper. Es ist viel Luft um ihn herum, und nun pumpen wir in den toten Körper viel Sauerstoff, trotzdem kommt kein Leben in ihn. In der blossen Luft liegt kein Leben; denn es ist eine Art Bewußtsein, welches das Leben unterhält. Das Lebensprinzip ist etwas, was höher ist als die physische Luft. Dieser Atem, den wir atmen, ist deshalb der Träger einer Energie, welche ihrerseits das Leben hält und stützt. Aber der Atem selber hat keine unabhängige Kraft, Leben zu vermitteln. Das Bewußtsein im Atem ist das Gottesbewußtsein, und dieses Gottesbewußtsein kommt vom himmlischen Vater. Während wir atmen, sollen wir daher der göttlichen Gegenwart bewußt sein.
Es ist Mittagszeit. Die Nahrung ist auf dem Tisch bereit. Bevor wir die Nahrung berühren, sollen wir sie geistig Gott darbieten. Wir sollen Ihn darin erkennen. Er ist der Schöpfer von allem, was sich auf dem Tisch befindet. Er ist eine unbegreifbare, ungeheure Macht. Wenn Er will, kann der Boden, auf dem wir stehen, zerbrechen und sich auflösen. Wenn Er will, kann die ganze Welt zusammengerollt und in seinem Bewußtsein eingezogen werden. Unser begrenzter Verstand, unsere Fähigkeiten und unsere Kenntnisse werden uns nicht davor schützen, daß die Kräfte der Natur siegen. Deshalb sollen wir demütig sein gegenüber dem Gottesbewußtsein, das in uns, um uns und über uns ist. Deshalb sollen wir in zunehmendem Maße des Gottesbewußtseins bewußt werden, den ganzen Tag hindurch, während all unseren Tätigkeiten, zu allen Zeiten, in allen Lebensumständen. Das ist der dritte Schritt. Und auf diese Art gibt es zwölf Schritte, zwölf Stufen.
Wenn wir allen diesen Schritten folgen und sie durchgehen, dann erreichen wir die unendliche Vollkommenheit, dann kommen wir zur Erfüllung, welche Yoga möglich macht. Es besteht absolut kein Unterschied zwischen Christentum und Yoga. Die Schritte, welche uns das Christentum führt zur höheren göttlichen Erfahrung, sind genau dieselben Schritte, mit denen uns Yoga zur höchsten göttlichen Erfahrung führt. Yoga ist nur ein systematischer Weg um die höchste göttliche Vollkommenheit zu erreichen. Die Bibel sagt: «Betet ohne Unterlaß. »18) Das ist, was Yoga uns lehrt für den ganzen Tag.
Nun nehmen wir noch einen andern praktischen Rat, den uns die Bibel gibt, um das Gottesbewußtsein zu erreichen: «Mache deine Augen einfältig.»19) Das ist gerade der Rat, den wir brauchen auf unserem Weg, erfolgreich zu sein. Ein Beispiel: Hier in meinen Händen liegt die Bibel, und ich lese das JohannesEvangelium. Ich bin so absorbiert durch den Sinn des Textes, daß ich die Blumen neben mir nicht beachte. Ich sehe den Teppich nicht und höre die Töne nicht, die im nächsten Raum erschallen. Wann immer wir die Gottgegenwart anerkennen und erkennen, und wenn wir die ganze Zeit konzentriert sind auf das Gottesbewußtsein in den Menschen um uns herum, und wenn wir immer das Gefühl haben, daß da, wo wir sind, auch die Gottgegenwart ist, dann ist unser Auge einfältig. Wenn unser Leben in allen Umständen und Bedingungen uns immer die Erfahrung der Gottgegenwart bringt, dann ist unser Auge einfältig. Wenn wir tausend Frauen gesehen haben, haben wir in ihren Herzen nur das Gottesbewußtsein gesehen. Wenn wir tausend Männer gesehen haben, haben wir nur die Gottvision gehabt, die wir in ihrer Gegenwart empfinden. Wenn durch die Erfahrung dieser Tausenden von Formen nur das Gottesbewußtsein uns sichtbar war, dann wissen wir, daß unser Auge einfältig war. Wenn wir diese Art Haltung innerhalb einiger Monate oder Jahre festhalten, dann werden wir christusähnlich, dann werden wir Wunder wirken, dann wird unsere Freude unendlich, und wir werden den Frieden haben, der das Verstehen übersteigt. Dann fängt Gott an, durch uns zu arbeiten, und Er wird durch uns denken. Wir sind nicht länger uns selbst, sondern Er ist es, der überall ist, und das ist die Wahrheit.
Ängstlichkeit, Unwissenheit, Blindheit irgendwelcher Art, ungenügendes Wissen, sie sind die Gründe für alle Verschiedenheiten oder Schwierigkeiten zwischen Yoga und dem Christentum. Jeder Christ ist ein Yogi, und jeder Yogi ist ein Christ. Der Yogi ist der Mensch, der alle die Schritte erfüllt, von denen wir gesprochen haben, und er ist der Mensch, der voll von Liebe ist. Er ist der Mensch, der voll von Gottwissen ist, furchtlos und voll von ungewöhnlicher Kraft. Jeder Yogi ist ein Universalmensch; er hat ein barmherziges Herz; er ist ein Anbeter der Gottheit, ein Bewohner des Königreiches Gottes, ein Mensch makellosen Charakters und erfüllt von allwährendem göttlichem Bewußtsein. Jeder Yogi wird sanft sprechen, er wird weise Worte benützen. Jeder Christ, der ohne Unterlaß betet, jeder Christ, der das Göttliche überall sieht, ist ein Yogi.
Alle Religionen sind entstanden durch die Erfahrung von Menschen, die das Gottesbewußtsein erlebt haben. Die Weisen und Guten sehen keine Verschiedenheit in diesen Religionen. Denn die Unterschiede sind nicht in den Augen Gottes, auch nicht in den Augen von Christus, auch nicht in den Augen der Yogi. Sie sind nicht in den Augen der wirklichen Kinder Gottes. Wir wollen nicht vergessen, daß diese Welt heilig, göttlich ist, daß wir Eisberge sind im Ozean und daß das Königreich Gottes, von dem Christus sprach, sich in uns befindet. Aus diesem Grunde können wir alle so vollkommen werden, wie der Vater im Himmel ist. Ob es sich um Yogi oder die Bibel handelt, sie zeigen uns den Weg, die Vollkommenheit zu erreichen. Deshalb sind wir alle gesegnet; unser Glück ist groß; Gott selber ist in uns. Er war immer in uns und mit uns, und Er wird auch beim Tode in uns und mit uns sein; denn Er ist untrennbar. Seine grenzenlose Vollkommenheit wird uns nie loslassen, denn wir sind in seinen Armen, und Seine Arme sind tausend und millionenfach; sie alle sind um uns herum, gerade jetzt . Wir werden beobachtet von seinen Millionen Augen. Der Ozean weiß alles über jeden Eisberg in ihm. Die Gottheit, die uns zur Existenz gebracht hat, die Gottheit, die unser Ursprung ist, sie ist allwissend, allmächtig, allgegenwärtig. Allezeit steht sie uns gegenüber.
Gott ist sichtbar für diejenigen seiner Kinder, die im Gottesbewußtsein ganz wach sind. Er ist unsichtbar für jene, welche immer noch schlafen. Seine Schönheit, seine Vollkommenheit werden nicht gesehen von denen, die schlafen aber seine grenzenlose Macht, Güte, Freude wird ständig erlebt von denen, die wach sind. Deshalb sind nur die Kinder, welche schlafen, vom Traum befangen, und in dem Traum erleben sie nur Not und Elend, Krankheit, Leiden und Tod. Dieses Albdrücken fehlt vollständig im Leben jener Kinder, welche wach geworden sind, jener Kinder, welche nicht schlafen.
Groß ist deine Güte, mach sie absolut! Laß in dein ganzes Leben die Macht der Vollkommenheit treten und sich bezeugen. Du bist nicht ein aus Lehm geformter Körper; denn in Wirklichkeit bist du ein Licht. Gerade in diesem Moment verkündet alles in dir die Gegenwart des Unendlichen. Es wird viele Schwierigkeiten geben, wenn du die Wege begehst, die hier angedeutet wurden; aber dein Fortschritt muß stetig werden, denn du bist ein Sohn oder eine Tochter des allmächtigen Königs. Du bist ein Löwe und kein Schaf. Deshalb sollten Schwachheit, Mißlingen, Not und Leiden nicht zu dir gehören. Heldenmut, Tapferkeit, Überwindungskraft, dies sind deine Eigenschaften. Mit dieser Ausrüstung wirst du sicher ungeheure Fortschritte machen.
Es gibt viele Missdeutungen und Missverständnisse in Bezug auf Yoga. Yoga ist nichts anderes als eine Methode oder ein Weg zur Gottverwirklichung. Yoga vermittelt uns Kenntnisse, die uns zur unmittelbaren Gotterfahrung führen können. Deshalb ist eigentlich jede Methode und jede Praxis, die uns mit Gott in Verbindung setzt, Yoga.
Yoga kommt von dem Sanskrit-Wort «jug» und bedeutet vereinigen, zusammenfügen. Das innere Sein in dir muß in Verbindung mit der unbegrenzten Gottheit gebracht werden. Das Bewußtsein in dir muß von all den Begrenzungen befreit werden, denen die menschliche Natur unterworfen ist. Und dieses Bewußtsein muß mit dem Unendlichen verknüpft werden. Wenn Jesus sagt, Ich und der Vater sind eins, dann spricht Er von dem Weg, der Yoga ist. Wenn dein inneres Auge eins ist mit dem Vater im Himmel, dann ist es eben Yoga. Jede Bedingung oder jedes Verhältnis, in welchem dein inneres Wesen mit Gott verbunden ist, ist Yoga. Alle Übungen, die dir ermöglichen, die Verbindung mit Gott zu erhalten, werden Yoga genannt. Irgend eine Tat oder irgend ein Gebet, das mit der Liebe zu Gott verbunden ist, ist Yoga. Jeder Christ, der in innigem Gebet oder Versenkt-sein mit Gott verbunden ist, übt Yoga. Jeder Buddhist, der versucht, die Erleuchtung zu bekommen, ist im Yoga-Zustand. Jeder Mohammedaner, der in seiner speziellen Weise die Annäherung an Gott sucht, ist auf dem Yoga- Wege.
Daher ist Yoga weder christlich, noch buddhistisch, noch mohammedanisch, noch hinduistisch. Yoga gehört nicht Indien an. Yoga gehört auch nicht zu Europa und nicht zu Afrika, Yoga gehört allen Ländern. Yoga ist das Eigentum der ganzen Menschheit. Wir wiederholen: Yoga ist nichts anderes als irgend eine Praxis, irgend eine Bemühung, die uns mit den unendlichen Kräften der Gottheit in Verbindung bringt.
Nehmen wir als Beispiel die Psychoanalyse. Auch sie ist nicht europäisch, sondern gehört der ganzen Welt an. Gleicherweise ist auch Yoga kein indisches Erzeugnis, sondern gehört der ganzen Welt an.
Wenn du im Yoga einige Methoden findest, die wichtig sind im Kontakt mit Christus, dann sollst du sie verwenden. Wir können jede Methode, die uns verfeinert, besser macht, näher zu Gott bringt, oder die Gotterfahrung vermittelt, Yoga nennen.
Was ist nun jene Gottheit, die uns mit Yoga in Verbindung bringt , von welcher uns Yoga die Erfahrung vermittelt? Gott ist ein unendliches Wesen, das in diesem Moment, wo ich hier spreche und in diesem Moment, wo du hier liest, gegenwärtig ist. Die göttliche Gnade umgibt dich von allen Seiten wie eine große Flut von Licht. Dieser Gott ist rings um dich herum. Er ist in deinem Herzen. Er leuchtet aus deinen Augen. Er wirkt in deiner Intelligenz. Gott ist eine überkosmische Macht von grenzenloser Kraft, von grenzenloser Schönheit. Und zugleich ist Gott der größte Herr, der das ganze Universum regiert. Gott ist ein überelektronisches Licht, das sich überall befindet und uns mit tausend Augen beobachtet. Diese Gegenwart, diese Allwissenheit, diese Allmacht ist da in jedem Punkt dieses Raumes. Dieses unbegrenzte Wesen pulsiert in jedem Punkte unseres Seins. Tausende von Menschen haben den Weg dieser Erfahrung beschritten und ihn bezeugt. Tausende von Menschen haben die Gottheit berührt durch ihre Hingabe und durch ihren Wunsch der Gottverbundenheit. Und was für diese Tausenden von Menschen möglich war, ist auch für dich möglich. Was sie erreicht haben, kann auch von dir erreicht werden.
Ich habe den großen Glauben und die starke Überzeugung, daß nach einigen Jahren oder nach viel längerer Zeit Mystiker, Heilige, Erleuchtete aus euren Reihen hervorgehen werden. Mein Herz ist voller Glück, wenn ich an euch alle denke. Warum? Weil ich mir der unendlichen Potenzen, Möglichkeiten und Kräfte, die in euren Herzen anwesend sind, bewußt bin. Ihr seid alle potentielle Yogis, also Menschen, die die Möglichkeiten des Yogitums besitzen. Jeder, der sich nach Gott sehnt und der versucht, nach der ihm eigenen Art Gott zu finden, ist ein Yogi. Viele unter euch sind ganz erfüllt von der Liebe zu Gott. Ich bitte euch, diese Liebe noch zu verstärken und euer ganzes Wesen in Hinwendung dieser Liebe unterzuordnen. Dann werdet ihr Bhakti-Yogis werden. Wenn ihr voll Liebe seid für Gott, und wenn sich alles diesem Wunsch nach Gott unterordnet, dann werdet ihr Yogi der Liebe genannt. Jede Frau, die sich vielleicht nachts um 11 Uhr von ihrem Bett erhoben hat und auf den Balkon ging, um den Mond zu sehen und in Gedanken an Gott zu verehren, kann ein Bhakti-Yogi genannt werden. Die Hingabe ist also einer der Wege, um Gott zu verwirklichen. Theresia von Konnersreuth und die kleine Theresia, Mystikerinnen, die voller Liebe zu Gott waren, waren Bhakti-Yogis.
Wenn aber dein Herz voll ist von der Gotterkenntnis, dann bist du ein Jnana-Yogi, ein Yogi der Erkenntnis. Der Jnana-Yogi übt sich in der Unterscheidung zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem und richtet sein ganzes Wesen nach der einen Wirklichkeit aus. Mystiker, wie zum Beispiel Meister Eckhardt, waren Yogis der Erkenntnis.
Wenn du in selbstloser Weise dienst, und voll Liebe den Weg des Dienens gehst, dann bist du ein Karma Yogi.
Wenn du dein ganzes inneres Gemüt in das Licht Gottes stellst und all deine Gedanken und Empfindungen im Blick auf dieses Licht kontrollierst, dann bist du ein Raja- Yogi.
Wenn du mit Hilfe gewisser Techniken versuchst, die übernatürliche Kraft in deinem Wesen zu entwickeln, dann bist du ein Kundalini- Yogi.
Wenn du eine mystische Neigung hast, und wenn du einen göttlichen Namen zur Wiederholung besitzest und die Wiederholung dieses Namens als Mittel benützest, die Allgegenwart, Allwissenheit und Allmacht Gottes zu erfahren, dann bist du ein Mantra-Yogi.
Hatha-Yoga kann ebenfalls als Weg zur Gottesverwirklichung bezeichnet werden unter der Bedingung, daß wir die damit verbundenen Körperübungen als Mittel zur Gottverwirklichung verwenden. Aber wenn wir nun aus dem Hatha-Yoga die geistigen Faktoren herausnehmen, dann hört er auf, ein Hatha-Yoga zu sein. Denn Hatha-Yoga wurde nur gegründet als ein Mittel zur Gottverwirklichung. Hatha-Yoga hatte ursprünglich den Zweck, die übernatürlichen Kräfte in unserem Innern zu erwecken. Sobald wir aus dem Hatha-Yoga diesen Zweck und diese Tendenz der Gottverwirklichung ausscheiden, hört er auf, ein Yogaweg zu sein, und es handelt sich bloß um körperliche Übungen. Wenn wir ihm dennoch diesen Namen geben, dann könnten wir ebensogut die westlichen Gymnastik-Übungen Yoga nennen. Benützen wir aber anderseits die westliche Gymnastik als Mittel zur Gottverwirklichung, so dürfen wir diese Yoga nennen. Yoga darf also immer dann, aber auch nur dann als Yoga bezeichnet werden, wenn wir die damit verbundenen Körperübungen zum Zwecke der Erweckung der höchsten Kräfte in uns benützen. Einige Hatha-Yoga- Übungen eignen sich für alle Menschen. Aber auch diese einfachen Übungen haben nur den Zweck, die höheren Mächte in uns zu erwecken auf dem Wege zum Gotterlebnis. Wenn wir diese geistigen Faktoren aus dem Hatha-Yoga herausschälen, dann werden wir später schwere Schädigungen zu ertragen haben.
Es gibt also viele Wege: Bhakti-Yoga, Jnana-Yoga, Karma-Yoga, Raja-Yoga usw. Alle diese Wege werden Yoga genannt, weil sie Mittel zur Gottverwirklichung sind. Sei erfüllt von der Gotteserfahrung. Sei erfüllt von der Gotterkenntnis. Benütze die körperlichen Übungen zur Erweckung der höheren Kräfte. Mache deine Hausarbeit und benutze sie als Mittel zur Gottverwirklichung. Mache aus deiner Büroarbeit und aus deinem Dienst gegenüber dem Nächsten ein Mittel zur Gottverwirklichung. Wiederhole so oft als möglich einen göttlichen Namen. Wenn du ein Musiker bist, dann erhöhe noch deine musikalischen Fähigkeiten und mache die Musik zur Quelle der Reinigung, der Inspiration, der Erhebung. Gebrauche irgend einen Bereich der Kunst als Mittel zur Gott- Annäherung. Du kannst irgend einen dieser Wege gehen oder mehrere oder alle. Je mehr Wege du gehst, desto raschere Fortschritte wirst du machen.
Unsere Zivilisation hat uns schon in weitem Maße beeinflußt. Die Zivilisation hat uns alles vermittelt, aber sie hat uns anderseits die eigentliche Essenz, den Frieden der Seele geraubt.
Was ist nun diese Essenz in deiner Seele ? Es ist die höchste Gottheit, die in dir wohnt.20) Es ist das Licht deines Lebens, die Seele deiner Seele, die höchste Intelligenz, welche hinter deiner mentalen Tätigkeit steht. Es ist die Gottheit, das Christusbewußtsein, es ist der Vater im Himmel, es ist Allah und es ist Rama - du kannst irgend einen Namen benützen, immer handelt es sich um eine unendliche Macht, eine unendliche Schönheit, eine grenzenlose Liebe, eine uferlose Gnade und eine allumfassende Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit kann unmittelbar erfahren werden. Tag und Nacht und Nacht und Tag habe ich dazu benützt, die Wirklichkeit des Göttlichen zu erforschen, bis ich dazu kam, diese Gottheit wie das Tageslicht zu erleben.
Tag und Nacht vergeuden wir unsere Zeit mit Geschwätz, und dieses Geschwätz ist in unsere Köpfe gestiegen und hat unterbewußte Erinnerungen zurückgelassen. All dieses Unbewußte muß gereinigt und gesäubert werden. Und es muß Platz gemacht werden für das Gottbewußtsein. Sobald wir im Christusbewußtsein leben, werden alle latenten Kräfte wach werden.
Die Psychoanalyse ist insoweit etwas Wunderbares, als sie uns Einblicke gibt in unser unbewußtes Leben. Aber sie ist insofern eine nutzlose Wissenschaft, als sie nicht imstande ist, uns in die tieferen Tiefen unseres unbewußten Lebens einzulassen. Diese Mächte unserer Intelligenz sind wunderbare Mächte, aber doch sind sie begrenzt und unfähig bis zu einem gewissen Grade. Die Logiker und wissenschaftlich Denkenden sind wie kleine Kinder, wenn man sie vergleicht mit den Erfahrungen der Erleuchteten über das göttliche Bewußtsein. Ich habe von meiner frühesten Kindheit an studiert, mich in sämtliche Philosophien des Ostens wie des Westens vertieft. Es gab kein Gebiet der Literatur, Philosophie und Psychologie, das mich nicht eine Zeitlang absorbiert hätte. Aber all dies sind nur vorbereitende Stufen gewesen, denn die Gottverwirklichung kommt als Reinigung unseres ganzen inneren Wesens. Die Psychoanalyse aber hat keine Methode und keine Technik für die vollständige Reinigung des inneren Wesens.
Hier kommen uns nun einige der traditionellen Religionen, die heiligen Schriften und der Yoga zu Hilfe. Hier steht uns Christus bei, das ewige Licht, das aus sich selbst herausleuchtet. Denn Christus ist eins mit der höchsten Gottheit.
Yoga lehrt, daß hinter deinem Gemüt und hinter deinem Denken eine Macht liegt, die alle anderen Mächte überstrahlt. Wenn du das Wort Gott nicht gern hast, nenne es göttliche Macht. Wenn du das Wort Christus nicht magst, dann nenne es die höchste göttliche Intelligenz.
Wähle irgend einen Namen, der dir liegt. Immer handelt es sich um eine Macht, die in dir gegenwärtig ist. Wenn du dich wirklich danach sehnst, die Gotterfahrung zu machen, wirst du viele Wege finden zu diesem Ziel. Yoga sagt dir, daß du nicht durch schöne Worte, sondern durch Erfahrung, durch Experimente zu diesem Ziel gelangen mußt. Yoga ist eine vollkommene Wissenschaft. Yoga besitzt die reichsten Techniken zum Erwecken der höchsten Mächte in uns. Wenn du ein wenig betest, wirst du gewisse Resultate erfahren. Wenn du die Gottheit von ganzem Herzen liebst, werden die Resultate noch größer sein. Wenn du aber Gottes Wesen in dir, um dich und über dir erkennst, dann wirst du zur Wahrheit gelangen.
Es ist ganz leicht für Atheisten, Skeptiker und andere Ungläubige, Gott zu verleugnen. Aber ihre Argumente werden nur dann einen Wert haben, wenn sie so rational, so machtvoll und einflußreich wie unsere Argumente sind . Wenn die Atheisten ihre Argumente vorbringen, werde ich imstande sein, mit 200 Gegenargumenten zu antworten. Die Kinder Gottes sind keine Idioten; sie sind voll der Intelligenz Gottes. Ihr Verstand ist viel machtvoller als der Verstand der Wissenschafter. Gott kann wirklich erfahren werden.
Das Erwecken der Mächte, die im Menschen liegen, war auch das Ziel der christlichen Mystiker. Indien ist das Land mit Tausenden von Mystikern, Heiligen und Erleuchteten, von Männern Gottes. Einzig aus diesem Grunde hat Indien mehr Methoden zur Gottverwirklichung als die Christenheit, als der Buddhismus und als der Islam. Wenn es im Yoga also wertvolle Mittel zur Erreichung unseres Zieles gibt, dann wollen wir diese benützen. In den Augen Gottes gibt es keine Hindus, keine Christen, keine Mohammedaner und keine Buddhisten. In den Augen Gottes, in dieser unbegrenzten Schönheit und unbegrenzten Fülle von Macht, gibt es auch keine Inder, Europäer, Afrikaner und Chinesen. In den Augen der göttlichen Allmacht und Allwissenheit handelt es sich nur um Seelen der Offenbarung. Wenn ein Hindu Christus als Mittel zu seiner Gotterfahrung nimmt, dann wird er zu Gott gelangen. Wenn ein Christ Allah als Mittel nimmt, Gott in seiner Allgegenwart zu erfahren, dann wird er auch auf diesem Wege zur Gottverwirklichung gelangen. Alle profitieren von diesen Methoden zur Gottverwirklichung. Wenn du die Gottheit berührst, dann wirst du erleben, dass deine Intelligenz mit göttlicher Macht verstärkt wird. Dein innerer Friede wird vergrößert und vertieft, und dein Glück wird unbegrenzt und unerschöpflich. Denn die Macht, die alles sieht, alles weiß und alles kann, ist dann auf deiner Seite, und wunderbare Dinge geschehen in deinem Leben. Du wirst eine unerwartete Gesundheit und Erleichterung erleben, und die Gottheit wird dich vollkommen beschützen mit tausend göttlichen Händen.
Wenn du aber dereinst deine ganze Natur sublimiert hast und wenn du Liebe, Reinheit und Güte verkörperst, dann wird deine Gegenwart zur Inspiration für die andern, deine Hände werden heilende Hände werden, und dein Blick wird wohltuend wirken. Die Menschen werden spüren, was es heißt, sich der unbegrenzten Macht hinzugeben, welche nie versiegt. Es wird den Menschen dann unmöglich sein, in deiner Gegenwart zu leiden, im Gegenteil, es wird ihnen leicht werden.
Dies ist ein großartiger Weg, und auf diesem Wege gibt es keine Enttäuschung; denn es ist der Weg zur Liebe und Güte. Also, fasse Mut!
Der Aufruf Zur Gottverwirklichung wird nicht an die Schwachen gerichtet. Der Ruf geht an diejenigen, welche bereit sind, zu leiden, welche bereit sind, ein Opfer zu bringen, welche bereit sind, sich in allen möglichen Richtungen zu meistern.
Solche Menschen sind bereit, sich in einem unbegrenzten Maße zu entwickeln, und sie möchten zu übermenschlichen Handlungen der Güte, Sanftmut und Weisheit gelangen. Diese Menschen sind die wahren Kinder Gottes, und sie sind wirkliche Mächte auf Erden. In ihrer Gegenwart sind die Teufel und die bösen Geister ohnmächtig. Die abnormalen Zustände, mit denen sich die Psychiatrie befaßt, sind ihnen unbekannt. Durch ihre Liebe zu Gott ist ihre ganze Persönlichkeit verfeinert, vervollkommnet und sublimiert. Nochmals: fasse Mut und gehe diesen Weg. Es ist der Weg der Vernunft, der Weg der Liebe, der Weg des Dienens, der Weg der Größe im Leben. Es ist der Weg, der aus uns kosmische Persönlichkeiten macht. Es ist der Weg, der in uns die größten Fähigkeiten und die erhabensten Gedanken aufweckt. Es ist der Weg, der dich furchtlos, tapfer und energisch macht.
Dieser Weg ist dein Weg. Es ist weder der Weg der Europäer, noch der Christen, weder der Inder noch der Hindus, weder der Buddhisten noch der Mohammedaner. Es ist dein Weg, der Weg zur Offenbarung der göttlichen Macht, und ich bitte dich, diese Kräfte, die in dir sind, zu verwirklichen. Ich bitte dich, Kontakt aufzunehmen mit der Macht, die schon in dir gegenwärtig ist.
Das Leben, das du lebst, mag es noch so zivilisiert, verfeinert und kultiviert sein, hat seine Begrenzungen, seine Schwächen und seine Leiden. Deshalb hat dieses wunderbare Leben, auf das du so stolz bist, tausend Probleme. Welches ist der Wert der Düsenflugzeuge? Welches ist der Wert all der Wunder, die Technik und Wissenschaft hervorgebracht haben; welches ist der Wert all dieser Errungenschaften, wenn du trotzdem von all deinen hundert Armseligkeiten und Leiden verfolgt wirst? Die Erfindungen der Technik und Wissenschaft sind wunderbar und notwendig, und es sollen noch weitere Fortschritte gemacht werden, aber welche Maßnahmen hast du ergriffen, um das Leben glücklicher, friedvoller und besser zu machen? Welche Mittel und Methoden besitzest du, um aus dem Menschen nicht bloß ein Tier, sondern einen veredelten Menschen zu machen? Alle Wunder der höchsten Gotterkenntnis sind tief in jedem Menschen verborgen, aber welche Wege kennst du, um diese Möglichkeiten wach zu rufen? Denn die totale Befreiung des rein menschlichen Bewußtseins zum übermenschlichen ist dein Weg und dein Ziel.
Es ist die größte Notwendigkeit für dich, zu diesem inneren göttlichen Erwachen zu kommen und diese erwachenden Kräfte im täglichen Leben zu offenbaren. Wenn irgend eine Wissenschaft oder irgend eine Technik wertvolle Wege zur Erreichung dieses Zieles hat, wollen wir sie benützen. Aber stets ist das Eigentliche in den Vordergrund zu stellen.
Die Art und Weise, wie wir uns im täglichen Leben benehmen, ist unter der Menschenwürde. Wenn wir wirklich Menschen sind, so sollten wir uns durch die höhere Weisheit und Intelligenz leiten lassen. Wenn wir wirklich kultivierte Menschen sind, sollten Weisheit, Liebe, Sanftmut und Frieden unser Leben regieren. Wenn wir wirklich stolz darauf sind, daß wir anderen primitiven Menschen überlegen sind, so wollen wir das beweisen durch Erwecken der inneren Kr&aum